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Tagebuchblätter und Briefe 1853—1871

Neunte Auflage.

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Verlag von Alexander Duncker

1904.

ZUR EINFÜHRUNG.

Vorbemerkung.

Der Meister wünschte die vorliegenden Blätter vernichtet.

Frau Wesendonk betrachtete sich nicht ab ausschließliche Besitzerin der an sie gerichteten Briefe. Sie bewahrte sie still- schweigend, erhielt sie der Nachwelt und bestimmte sie zur Ver- öffentlichung, unter Beigabe von Bildern und Faksimiles.

Die Familie Wagner entäußerte sich ausnahmsweise und für diesen Fall ihres Autorrechtes und trat es dem Sohne und dem Fnkel der Verewigten ab.

Diese bestimmten, daß diese Publikation zugunsten des Stipendienfonds in Bayreuth erfolgt.

„Natur- und Kunstwerke lernt man nicht kennen, wenn sie fertig sind ; man muß sie im Entstehen aufhaschen, um sie einigermaßen zu begreifen."

Goethe an Zelter (4. August 1803).

Als Richard Wagner im August 1858 Zürich verließ, stand ihm Mathilde Wesendonk am allernächsten. Bis zum Dezember 1863 blieb er mit ihr im regsten, nur selten unterbrochenen Briefwechsel und vertraute ihr rückhaltlos alles an, was seine Seele bewegte. „Hören Sie so zu, wie Brünnhilde dem Wotan zuhörte«, heißt es in einem Briefe (Nr. 106 a). Wie Selbstgespräche er- scheinen viele dieser Briefe, mit denen eine neue, wundersam reine und edle Quelle zur Kenntnis des inneren Lebens unsres Meisters sich erschließt.

Mathilde Wesendonk war die Tochter des Kgl. Kom- merzienrats Karl Luckemeyer und seiner Frau Johanna geb. Stein. Am 23. Dezember 1828 wurde sie zu Elber- feld geboren. Ihre Erziehung erhielt sie in Düsseldorf, wohin ihre Eltern später verzogen waren, und hernach in einer Pension zu Dünkirchen. Am 19. Mai 1848 ver- heiratete sie sich mit Otto Wesendonk (geb. 16. März 1815, gest. 18. November 1896). Wesendonk war Theilhaber eines großen New-Yorker Seidenhauses, dessen Geschäfte er in Deutschland vertrat. Die Neuvermählten ließen sich zunächst in Düsseldorf nieder, wo der älteste Sohn Paul 27. Nov. 1849 (gest. 21. März 1850) geboren wurde. Im Jahre 1850 reisten sie nach Amerika. 1851 kamen sie nach Zürich, wo sie zunächst im Hotel „Baur au lac* Wohnung nahmen. Hier wurde am 7. August 1851 eine Tochter, Myrrha, am 13. September 1855 ein Sohn Guido und am 18. April 1857 ein zweiter Sohn Karl geboren. Den Winter verbrachten Wesendonks zuerst einige Male

im Süden oder in Paris, den Sommer in Zürich, wo sich Wesendonk endlich auch auf dem „grünen Hügel« in der Enge eine Villa erbaute, die aber erst am 22. August 1857 endgültig bezogen wurde. Ein kleines daneben liegendes Häuschen war von Wesendonk angekauft worden, der Baumeister Zeugherr baute es wohnlich und behaglich um, und Ende April 1857 konnten Wagner und seine Frau, die bisher in den Escherhäusern am sog. Zeltweg, einer am Fuße des Zürichberges sich hinziehenden vor- städtischen Straße mit hübschen Häusern und Gärten, gewohnt hatten, ins „Asyl« übersiedeln.

Die persönliche Bekanntschaft des Meisters, dessen künstlerische Größe ihnen zuvor in einem Konzert bei Aufführung einer Beethovenschen Sinfonie sich geoffen- bart hatte, machten Wesendonks im Jahre 1852, im Hause seiner Dresdener Bekannten, der Familie des Advokaten Hermann Marschall von Bieberstein, der seit 1849 in Zürich wohnte. Frau Wesendonk erzählt in ihren Er- innerungen,^) wie sie ganz unbelehrt, gleichsam wie ein weißes, unbeschriebenes Blatt, nach Zürich kam und welch tiefe Eindrücke sie allmählich durch Wagner ge- wann. Sie schreibt:

„Erst 1853 wurde der Verkehr freundschaftlicher und vertrauter. Alsdann begann der Meister, mich in seine Intentionen näher einzuweihen. Zunächst las er die „Drei Opern -Dichtungen«, die mich entzückten, hierauf die Einleitung dazu und allmählich eine seiner Prosa-Schriften nach der andern.

Da ich Beethoven liebte, spielte er mir die Sonaten; war ein Konzert in Sicht, wo er eine Beethovensche Sinfonie zu leiten hatte, so war er unermüdlich und spielte vor und nach der Probe die betreflFenden Sätze so lange, bis ich mich ganz heimisch darin fühlte. Es freute ihn, wenn ich ihm zu folgen vermochte und an seiner Begeisterung die meinige entzündete.

') Mitgeteilt durch A. Heintz in der Allgemeinen Musikzeitung vom 14. Februar 1896.

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1854 (von Juni bis Dezember) schrieb und vollendete er die Skizzen zur „Walküre«. Das kurze Vorspiel trägt die Buchstaben: G(esegnet) S(ei) M(athilde)!

Wesendonk verehrte ihm um diese Zeit eine ameri- kanische Goldfeder. Mit dieser Goldfeder hat er die ganze Orchester- Partitur der Walküre geschrieben, die ein wahres Meisterwerk der Kalligraphie ist. Diese Partitur war Wesendonks Eigentum, er hatte sie durch Ankauf vom Meister erworben. Später hat er sie, auf Wunsch des Meisters, Sr. M. dem König Ludwig II. von Bayern zum Geschenk gemacht und dafür einen eigen- händigen Brief des Königs als Dank und als Gegengabe erhalten.

Eine Faust -Ouvertüre, geschrieben in Paris im Januar 1840, neu bearbeitet in Zürich im Januar 1855, hatte er die Absicht, mir zu widmen. Plötzlich aber überkam ihn der Gedanke, daß das unmöglich seil „Un- möglich, rief er aus, kann ich Ihnen das furchtbare Motto an die Brust heften:

„Der Gott, der mir im Busen wohnt,

„Kann tief mein Innerstes erregen;

„Der über allen meinen Kräften thront,

„Er kann nach außen nichts bewegen;

„Und so ist mir das Dasein eine Last,

„Der Tod erwünscht, das Leben mir verhaßt.« So begnügte er sich, mir die Partitur zu verehren und darunter die wenigen Worte zu setzen: „R. W. Zürich 17. Jan. 55 zum Andenken S(einer) l(ieben) F(rau)I*'

Einmal, auf einem gemeinschaftlichen Ausfluge nach Brunnen, spielte er auf dem Klimperkasten des dortigen Speisezimmers bei einbrechender Dunkelheit Abschnitte aus der Eroica und der C-moll-Sinfonie. In der Frühe aber, zum Frühstück, wurde ich mit Lohengrin-Klängen begrüßt.

Im Jahre 1854 führte er mich in die Philosophie Arthur Schopenhauers ein, war überhaupt darauf bedacht, mich auf jede bedeutende Erscheinung in Literatur und

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Wissenschaft aufmerksam zu machen. Entweder las er selbst, oder er besprach den Inhalt mit mir.

Was er am Vormittage komponierte, das pflegte er am Nachmittage auf meinem Flügel vorzutragen und zu prüfen. Es war die Stunde zwischen 5 und 6 Uhr; er selbst nannte sich: „den Dämmermann«.

Da kam es denn auch vor, daß etwas ihn nicht be- friedigte und er nach einem andern Ausdruck suchte. Einmal war das der Fall beim Aufbau des Walhall-Motivs. Ich sagte: „Meister, das ist gut!« Er aber: „Nein, nein, es muß noch besser werden«. Er ging eine Weile ungeduldig im Salon auf und ab, rannte dann endlich hinaus. Am folgenden Nachmittag erschien er nicht, auch am zweiten und dritten blieb er fern. Endlich kommt er ganz still und unbemerkt herein, setzt sich an den Flügel und spielt das herrliche Motiv ganz wie früher. „Nun?" frage ich. „Ja, ja! Sie hat recht, ich kann's nicht besser machen!«

So habe ich das beste, was ich weiß, nur ihm zu verdanken.

Die in Zürich verlebten Jahre waren für Wagner eine Zeit der Sammlung, der Arbeit und der inneren Abklärung, die nicht weggedacht werden kann, ohne den Faden seiner Entwicklung gewaltsam zu zerreißen. Er war ein anderer als er kam und da er ging!

„Öde" hat er nie gekannt. Anregung brachte er da- hin, wo er sie nicht fand. Trat er ja einmal ins Zimmer, sichtlich ermüdet und abgespannt, so war es schön zu sehen, wie nach kurzer Rast und Erquickung sein Antlitz sich entwölkte und ein Leuchten über seine Züge glitt, wenn er sich an den Flügel setzte.

Die schöne und geräumige Wohnung in den Escher- häusern war ihm durch die vielen Klaviere in den Nachbarwohnungen unleidlich geworden. Mit einem ihm gegenüber wohnenden Schmied hatte er einen Vertrag gemacht, wonach dieser nicht am Vormittage (Wagners Arbeitsstunden) hämmern durfte, weil er „Siegfrieds

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Schmiedelied« komponierte. Daher die Sehnsucht nach einem eigenen Heim, die im April 1857 endlich befriedigt werden sollte.

Er war ein großer Naturfreund. In seinem Garten belauschte er das Nestchen der Grasmücke, eine Rose auf seinem Schreibtische konnte ihn beglücken, und das Waldweben im Siegfried erzählt von dem Geflüster hoher Wipfel im Sihltalwalde, wohin er auf weiten Wanderungen, öfters in Gesellschaft des Dichters Georg Herwegh, seine Schritte lenkte. Das Gespräch der beiden drehte sich dann um die Philosophie Arthur Schopenhauers.

Seine „Flügel-Adjutanten" waren zeitweise Tausig und Hans v. Bülow, Wagner nannte Hans sein Alter- Ego. Die Dankbarkeit, Uneigennützigkeit und Opfer- freudigkeit V. Bülows kannte keine Grenzen. Aber auch Tausig war rührend in seinem Bestreben, die Wünsche des Meisters ihm an den Augen abzulesen. So hat er, als er in der Wagner-Villa zu Gast weilte, nach dem Mittagessen mit der aufgeregten, kränkelnden Frau eine Stunde lang Domino (!) gespielt, damit das Mittags- schläfchen Wagners nicht gestört werde.

Die Berufung Gottfried Sempers an das Poly- technikum in Zürich war ein Ereignis freudigster Art; Gottfried Kellers „Grüner Heinrich« und „die Leute von Seldwyla« las Wagner mit vollendeter Meisterschaft vor. „Spiegel, das Kätzchen«, die „drei gerechten Kamm- macher« und „Romeo und Julie auf dem Dorfe« waren seine Lieblinge.

Mit Frau Eliza Wille auf Mariafeld besprach er alles, was ihn künstlerisch und menschlich tief bewegte.

Endlich nenne ich noch den Getreuesten der Ge- treuen, seinen Hausfreund Dr. Jacob Sulzer, der auch die Zurückberufung Gottfried Kellers im Großen Rat befürwortete und schließlich durchsetzte.

Besuche aus Weimar fehlten nicht. Gräfin d'Agoult verschmähte es nicht, von Paris nach Zürich zu reisen: „Pour faire connaissance des grands hommes«!

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Richard Wagner liebte sein „Asyl", wie er sein neues Heim in der Enge bei Zürich nannte. Mit Schmerz und Trauer hat er es verlassen, freiwillig verlassen! Warum? Müßige Frage! Wir haben aus dieser Zeit das Werk: „Tristan und Isolde"! Der Rest ist Schweigen und sich neigen in Ehrfurcht!"

Über seinen Einzug auf dem grünen Hügel schreibt Wagner an Liszt am 8. Mai 1857:

„Ich habe eine üble Zeit hinter mir, die nun aller- dings einem recht angenehmen Zustande zu weichen scheint. Seit 10 Tagen haben wir das bewußte Land- gütchen neben der Wesendonkschen Villa bezogen, das ich der wirklich großen Teilnahme dieser befreundeten Familie verdanke. Zuvor aber sollte mir noch manche Not erwachsen; die Einrichtung des Häuschens, die übrigens sehr nett und mir entsprechend ausgefallen ist, bedurfte langer Zeit, so daß wir mit dem Auszuge ge- drängt waren, ehe die Möglichkeit des Einzuges zustand kam. Nun wurde auch meine Frau krank, so dass ich sie immer nur von jeder Einmischung abzuhalten, und dafür alle Auszugsmühe selbst und allein zu übernehmen hatte. Zehn Tage wohnten wir im Hotel, und endlich zogen wir bei furchtbarem Wetter und Kälte ein, so daß es wirklich nur dem Gedanken der definitiven Umsiedelung möglich war, die Laune mir gut zu erhalten. Nun ist aber alles überstanden; alles ist nach Wunsch und Bedürfnis für die Dauer hergerichtet und eingeräumt; alles steht am Platz, wo es stehen soll. Mein Arbeitszimmer ist mit der Dir bekannten Pedanterie und eleganten Behaglich- keit hergerichtet; der Arbeitstisch steht an dem großen Fenster, mit dem prachtvollen Überblick des Sees und der Alpen; Ruhe und Ungestörtheit umgibt mich. Ein hübscher, bereits sehr gut gepflegter Garten bietet mir Raum zu kleinen Promenaden und Ruheplätzchen, und meiner Frau die angenehmste Beschäftigung und Abhaltung von Grillen über mich; namentlich nimmt ein größerer Gemüsegarten ihre zärtlichste Sorge in Beschlag. Du

siehst, ein ganz hübscher Boden für meine Zurück- gezogenheit ist gewonnen, und wenn ich bedenke, wie sehr ich seit lange nach einem solchen verlangte, und wie schwer es wurde, nur eine Aussicht dafür zu gewinnen, so fühle ich mich gedrängt, in diesem guten Wesendonk einen meiner größten Wohltäter anzuerkennen. Anfang Juli hoffen nun auch Wesendonks ihr Gut beziehen zu können; die Nachbarschaft verspricht mir Freundliches und Angenehmes. Nun denn: das wäre erreicht! Nächstens hoffe ich meine lange unterbrochene Arbeit nun auch wieder aufnehmen zu können, und jedenfalls verlasse ich nun mein hübsches Asyl nicht eher (sei es zu irgend welchem Ausflug) als bis Siegfried mit Brünn- hild vollkommen in Ordnung gekommen ist.«

Frau Wille schildert die Gastlichkeit des Wesendonk- schen Hauses in ihren Erinnerungen also: „Es war eine Zeit fast verklärten Daseins für alle, die in der schönen Villa auf dem grünen Hügel zusammenkamen. Reichtum, Geschmack und Eleganz verschönerten dort das Leben. Der Hausherr war ungehindert im Fördern dessen, was ihn interessierte, voll Bewunderung für den außerordent- lichen Mann, den das Schicksal ihm nahe gebracht. Die Hausfrau, zart und jung, voll idealer Anlagen, war mit Welt und Leben nicht anders bekannt, als wie mit der Oberfläche eines ruhig fließenden Gewässers: geliebt und bewundert von ihrem Gatten, eine junge glückliche Mutter, lebte sie in Verehrung des Bedeutenden in Kunst und Leben, der Macht des Genius, die ihr bisher noch nicht in solchem Umfange des Wollens und Vermögens vor- gekommen war. Die Einrichtung des Hauses, der Reich- tum des Besitzers machten eine Geselligkeit möglich, an welche jeder, der sie genossen, gerne zurückdenken wird. So gestaltete sich ein Verhähnis, das unter wechselnden Stimmungen und Erlebnissen auf Freundschaft und gute Regungen gegründet, wie unter einem reineren Himmel sich entfaltete."

Richard Pohl sagt in seinen Erinnerungen: »Die

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Abende in Wagners Hause waren fast immer belebt, und natürlich im höchsten Grade anregend. Mit der Familie Wesendonk verkehrte er täglich: sie wohnten ja Haus an Haus. Frau Wesendonk, eine schöne Erscheinung, eine weiblich anmutige und poetisch sinnige Natur, übte auf den Meister einen ersichtlich anregenden Einfluß. Ihr gegenüber mußte Wagners schnell gealterte Gattin Minna, mit ihrem ziemlich nüchternen, gutmütigen, aber haus- backenen Wesen freilich sehr im Schatten stehen. In Wagners Gegenwart verhielt sie sich meist still; wenn man sie allein traf, machte sie ihrem Herzen Luft. Sie konnte absolut nicht verstehen, wie ihr Gatte sich jahre- lang mit Projekten trug, die nicht die geringste Aussicht auf Verwirklichung hatten. Von den Nibelungen hoffte sie nichts. Kompositionen, welche überall Aufnahme finden könnten und auch pekuniäre Erfolge bringen würden, wären ihr viel lieber gewesen. Daß diese beiden Naturen nicht harmonieren konnten, sah man auf den ersten Blick; daß früher oder später eine Trennung ihres ehelichen Zusammenlebens erfolgen müßte, war unschwer zu prophezeien."

Auch Wagner selbst erwähnt in einem Brief an Frau Ritter (Glasenapp II, 2, 159) diese Zusammenkünfte während Bülows Besuch: „den Tag über (d. h. nach- mittags) wurde fast immer musiziert, wo denn Frau Wesendonk treulich jedesmal herüberkam und wir so unser dankbarstes, kleines Publikum gleich zur Hand hatten.«

Wie sich der Verkehr zwischen dem Meister und Wesendonks vollzog, davon zeugen die Briefe aus der Züricher Zeit, in denen ja die bereits erwähnten Vorgänge und Stimmungen sich abspiegeln. „Das war immer das Ausgezeichnete unsres Verkehrs, daß der eigentliche In- halt des Tuns und Denkens in geläuterter Form uns un- willkürlich einzig als beachtungswürdig erschien, und wir gewissermaßen vom eigentlichen Leben uns sofort emanzipiert fühlten, sobald wir nur zusammentrafen»

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(Brief 114, S. 264). Im letzten Winter 1857/58 wurde namentlich spanische Literatur, vor allem Calderon, gemeinschaftlich gelesen. Glasenapp (II, 2, 164) sagt: „dem Dichter von ,Tristans Ehre höchste Treu' trat in den Schöpfungen dieses Dramatikers eben jener Be- griff der ,Ehre' als der Ausdruck eines feinen und tief leidenschaftlichen Sinnes der spanischen Nation entgegen." Wagner schreibt an Liszt im Januar 1858 (Briefwechsel II, 188): „die ergreifendsten Darstellungen des Dichters haben den Konflikt dieser ,Ehre' mit dem tief mensch- lichen Mitgefühl zum Vorwurf; die Ehre bestimmt die Handlungen, welche von der Welt anerkannt, gerühmt werden; das verletzte Mitgefühl flüchtet sich in eine fast unausgesprochene, aber desto tiefer erfassende, erhabene Melancholie, in der wir das Wesen der Welt als furcht- bar und nichtig erkennen. Dieses wunderbar ergreifende Bewußtsein ist es nun, was in Calderon so bezaubernd schöpferisch gestaltend uns entgegentritt, und kein Dichter der Welt steht ihm hierin gleich."

Im Rückblick auf die Züricher Jahre schreibt der Meister (Brief 65, S. 122): „mir ist recht deutlich, daß ich nie etwas Neues mehr erfinden werde: jene eine höchste Blütenzeit hat in mir eine solche Fülle von Keimen ge- trieben, daß ich jetzt nur immer in meinen Vorrat zurück- zugreifen habe, um mit leichter Pflege mir die Blume zu erziehen." Ring Tristan Parzivalentwurf und endlich aus der Todessehnsucht des Tristan die das Leben durch Entsagung überwindende, aber nicht ver- neinende Dichtung der Meistersinger also Blütenpracht und spätere reifste Lebensfrucht! „Wer sich über die Nachbarschaft des Tristan und der Meistersinger be- fremdet fühlen kann, hat das Leben und Wesen aller wahrhaft großen Deutschen in einem wichtigen Punkte nicht verstanden: er weiß nicht, auf welchem Grunde allein jene eigentlich und einzig deutsche Heiterkeit Luthers, Beethovens und Wagners erwachsen kann, die von andern Völkern gar nicht verstanden werden wird

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und den jetzigen Deutschen selber abhanden gekommen zu sein scheint - jene goldhelle, durchgegorene Mischung von Einfalt, Tiefblick der Liebe, betrachtendem Sinn und Schalkhaftigkeit, wie sie Wagner als köstlichen Trank allen denen eingeschenkt hat, welche tief am Leben ge- litten haben und sich ihm gleichsam mit dem Lächeln der Genesenden wieder zukehren." (Nietzsche, Richard Wagner in Bayreuth.)

In dieses Keimen, Sprossen, Blühen, Reifen eröffnen die Briefe und Tagebuchblätter, die hier vorgelegt werden, wunderbar tiefe und ergreifende Einblicke. Was Glase- napp vom vierten Buche seiner großen Biographie sagt: „nach seiner inneren Entfaltung zeigt es uns den Übergang von Wotans ungestümem Wollen zur ver- klärten erhabenen Resignation des Hans Sachs", gilt auch für diese Urkunden, die mit seltener Fülle und Lebendigkeit die geheimsten seelischen Stimmungen des ringenden und schaffenden Künstlers offenbaren. „Das eigentliche Material für die Biographie Richard Wagners liegt in seinen eigenen Lebenszeugnissen in Briefform* (Glasenapp III, 1, S. X). So erscheint namentlich diese Brieffolge von außerordentlichem Werte und als wichtigste Ergänzung zu Glasenapp II, 2, wo der äußere Rahmen der in diesen Briefen erwähnten tief inneren Vorgänge mit bewundernswerter Gründlichkeit und Zuverlässigkeit dargestellt ist. Wir können uns daher in dieser Ein- leitung und in den Anmerkungen zu den Briefen fast immer mit kurzem Verweis auf Glasenapp begnügen und brauchen durch keinerlei Weitläufigkeit den unmittelbaren Eindruck der Urkunden selbst zu stören.

Vom Ring ist in den Briefen nicht mehr viel die Rede. Als der Meister von Wesendonk am 31. Juli 1865 die Originalpartitur des Rheingolds für den König erbat^ schrieb er: »Ihre Frau verwahrt für immer, was mehr wert ist, als die zurückerbetene Reinschrift jener Partitur.' Frau Wesendonk erhielt die ersten Bleistiftskizzen vom Ring, soweit er in Zürich vollendet wurde. In kleinen

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roten Mappen sind diese kostbaren Blätter verwahrt. Manche ganz persönliche Widmung und Stimmungs- äußerung ist mit flüchtigem Stifte gelegentlich hier und da eingeschrieben. Das Rheingold ist begonnen am 1. No- vember 1853, beendet am 14. Januar 1854; Walküre Akt I 28. Juni 1854 1. September 1854; Walküre II 4. Sep- tember 1854 18. November 1854; Walküre III 20. No- vember 1854 27. Dezember 1854; Siegfried I hat nur das Schlußdatum 20. Januar 1857; Siegfried II 22. Mai 1857 30. Juli 1857.

Jetzt tritt Tristan hervor. Im Herbst 1854 tauchte gleichzeitig mit Schopenhauers Philosophie der erste Gedanke daran auf. Wagner schreibt an Liszt (Brief- wechsel II, 46): „da ich im Leben nie das eigentliche Glück der Liebe genossen habe, so will ich diesem schönsten aller Träume noch ein Denkmal setzen, in dem von Anfang bis zum Ende diese Liebe sich einmal so recht sättigen soll: ich habe im Kopfe einen Tristan und Isolde entworfen, die einfachste, aber vollblutigste musikalische Konzeption; mit der schwarzen Flagge, die am Ende weht, will ich mich dann zudecken um zu sterben." Glase- napp II, 2, 58 bemerkt hierzu: „die schwarze Flagge, die am Ende weht, deutet auf einen Zug der alten Tristansage, der am Ende nicht in die wirkliche Ausführung der Dich- tung übergegangen ist. Wir erfahren aber noch von einem anderen Zuge der ursprünglichen Tristan -Konzeption, wonach es damals im Plane des Meisters gelegen hätte, den nach dem Grale suchenden Parzival zu dem an der Sehnsucht nach der Nacht sterbenden, nicht sterben können- den Tristan pilgernd gelangen zu lassen. Da wäre denn die Weise des Gralsuchers wirklich hineingeklungen in die des Nachtgeweihten; der Entsagende als der Mit- leidige wäre wie eine himmlische Trosterscheinung vor- übergezogen an dem Schmerzenslager des selbst in der Verneinung noch Begehrenden und daher endlos am Leben Leidenden.«

Am 12. Juli 1856 heißt es: „ich habe wieder zwei

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wundervolle Stoffe, die ich noch einmal ausführen muß: Tristan und Isolde dann aber der Sieg das Heiligste, die vollständigste Erlösung." Am 20. Juli 1856: „wenn Ihr mir recht gute Laune macht, krame ich Euch vielleicht auch meine ,Sieger< aus; wiewohl es damit seine große Schwierigkeit haben wird, da ich die Idee dazu zwar schon lange mit mir herumtrage, der Stoff zu ihrer Verkörperung mir aber eben erst nur wie im Blitzes- leuchten angekommen ist, zwar für mich in höchster Deutlichkeit und Bestimmtheit, aber noch nicht so für die Mitteilung. Erst müßtet Ihr auch meinen Tristan verdaut haben, namentlich seinen dritten Akt, mit der schwarzen und der weißen Flagge. Dann würden erst die ,Sieger' deutlicher werden." Also zwei Werke, Tristan-Parzival und ein indisches buddhistisches Drama trug der Meister im Kopfe. Es scheint auch zwischen 1854/56 bereits zur Aufzeichnung der drei Tristanakte im Entwurf, im dritten Akt also mit Parzival und der schwarzen Flagge, gekommen zu sein. Die Flagge des ursprünglichen Entwurfes weht übrigens auch noch im vollendeten Drama in Tristans fragendem Ausruf:

„Die Flagge? Die Flagge?

Kurwenal:

Der Freude Flagge

am Wimpel, lustig und hell.*

Immer mehr nahm die Tristanstimmung überhand, so wenn Wagner bereits am 22. Dez. 1856 an Wesendonk schreibt: »ich kann mich nicht mehr für den Siegfried stimmen, und mein musikalisches Empfinden schweift schon weit darüber hinaus, da wo meine Stimmung hinpaßt: in das Reich der Schwermut.* Am Karfreitag, 10. April 1857, löste sich Parzival endgültig und selbständig vom Tristan los. Hans v. Wolzogen erzählt nach Wagners eigenem Bericht in den Bayreuther Blättern 1885 S. 48/49 und 1886 S. 74/75 also: „Ein herrlicher Morgen war auf- gestiegen über See und Gebirge des Züricher Landes,

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und hinaus blickte der Meister vom Altane seines eben ge- wonnenen stillen Asyls in die sonnigen Zauber der frühlings- frischen Natur. „Du sollst nicht Waffen tragen an dem Tage, da der Herr am Kreuze starb!" So schallte es ihm entgegen wie mit Engelszungen aus dem großen Frieden dieser feierlichen Welt, eine Stimme aus weiter Ferne, ein Gralsklang aus den Tagen seines „Lohengrin", eine lange verklungene Erinnerung aus der Zeit, da er einst im böhmischen Walde das Gedicht vom „Parzival« ge- lesen. Vor ihm schwebte das Bild des Gekreuzigten; und Wehr und Waffen der philosophisch geklärten Welt- kritik, der historisch geschärften Weltverachtung, die legte er still zur Seite. Der Dichter des Wotan, der Sänger des Siegfried, der Denker des Buddha, er erfuhr an sich den schöpferisch bestimmenden Eindruck des heiligen Karfreitagswunders; er entwarf die erste Skizze des Dramas vom „Parzival".

Dieser Karfreitagszauber gemahnte den Meister an die bedeutungsvolle Stelle in Wolframs Parzival, wo der Held nach langer Irrfahrt am Karfreitag in Trevrizents stiller Waldklause einkehrt und vom ritterlichen Einsiedler Be- lehrung und Ablaß empfängt. In wundersamer Weise ist hier vom Dichter Erlebtes und Überliefertes in eins empfunden und hieraus künstlerisch neu gestaltet. Der Sagenstoff wird dem Meister immer dann erst lebendig, wenn er selbst ihn erlebt hat.

Aus der Weise, die vom wandernden Parzival zum todwunden Tristan emporklingen sollte und aus dem Kar- freitagserlebnis erwuchs das Bühnenweihfestspiel, das auch Züge aus dem Jesus von Nazareth und aus den Siegern in sich aufnahm. Das zum 54. Brief in Faksimile mitgeteilte Blatt gehört wohl noch zum Ur-Tristan und schildert unmittelbar den Gralsucher. Im Parsifal, wie der Name erst seit 1877 lautet, sind diese Irrfahrten nur musikalisch im Vorspiel zum dritten Aufzug angedeutet. Über den Zusammenhang zwischen Tristan und Anfortas er- fahren wir aus Brief 75 S. 144: „genau betrachtet ist Anfortas

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der Mittelpunkt und Hauptgegenstand ... es ist mein Tristan des dritten Aktes mit einer undenklichen Steigerung." Kundry, „ein wunderbar weltdämonisches Weib«, erscheint zuerst im Brief 61 S. 110 und dann genauer 106 a S. 243. Ende April 1857 wurden die drei Aufzüge des Parzival vorläufig kurz skizziert. Bis August 1860 ist Arbeit an diesem ersten und ältesten Entwurf nachweisbar. Einen neuen umfangreicheren Entwurf verfaßte der Meister in München im August 1865, nach den Tristanaufführungen und nach Schnorrs Tod, auf des Königs Wunsch und schrieb dazu: „die Zeit ist da, die größten, vollendetsten Werke werden nun erst geschaffen" (Glasenapp III, 1, 115).

Mit der Loslösung des Parzival gewann auch der Tristan festere Gestalt, der von Anfang an tief tragisch und mit Fernhaltung alles von diesem Grundgedanken abliegenden Beiwerks, das in Gottfrieds Gedicht über- wuchert, erfaßt worden war. Am 4. Juli 1857 heißt es in einem Briefe an Frau Ritter über Tristan: „Noch schlummert das Gedicht in mir: ich gehe mit Nächstem daran, es zum Leben zu rufen." Nach Vollendung des 3. Aufzuges Sieg- fried, der in der Kompositionsskizze vollständig ausgeführt ist, also im August 1857 begann die Tristandichtung. Vom 20. August 1857 ist der Prosaentwurf, der aus dem Nachlaß von Frau Wesendonk bald an anderem Ort mitgeteih werden soll, datiert. Die Dichtung, deren erste Handschrift ebenfalls Frau Wesendonk gehörte, war am 18. September 1857 so ziemlich übereinstimmend mit der gedruckten Fassung vollendet. Die mit Bleistift ge- schriebenen, von Frau Wesendonk sorgsam mit Tinte nach- gezogenen Kompositionsskizzen tragen die Daten für Akt I 1. Oktober bis Sylvester 1857; für II 4. Mai 1858 bis 1. Juli 1858; für III 9. April bis 16. Juli 1859 in Luzern. Zum ersten Aufzug schrieb der Meister die unter Nr. 47 S. 23 abgedruckten Worte. Über dem zweiten Aufzug steht: „Noch im Asyl".

Mit beyi^undernswerter Bestimmtheit und Sicherheit ward das Wunderwerk schon in der ersten Niederschrift

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fast ganz genau so aufgezeichnet, wie wir es kennen. Nur im zweiten Aufzug ist die Stimmführung an einzelnen wenigen Stellen verschieden. Der zweite Aufzug beginnt in der Skizze noch nicht mit dem grellen Tagesmotiv, sondern mit dem jetzigen neunten Takt.

Entgegen der Partitur sind die Worte der Dichtung im zweiten Aufzug:

„Selbst um der Treu'

und Freundschaft Wahn

dem treu'sten Freunde

ist's getan,

der in der Liebe

Nacht geschaut,

dem sie ihr tief

Geheimnis vertraut*

in der Skizze vertont. Ebenso ist die Stelle:

Tristan. »Soll der Tod mit seinen Streichen ewig uns den Tag verscheuchen?

Isolde.

Der uns vereint,

den ich dir bot,

laß ihm uns weih'n,

dem süßen Tod!

Mußte er uns

das eine Tor, an dem wir standen, verschließen;

zu der rechten Tür,

die uns Minne erkor, hat sie den Weg nun gewiesen*

musikalisch ganz herrlich gedacht gewesen. Wahrschein- lich fiel die Stelle mit Rücksicht auf die Einheit der musikalisch-poetischen Grundstimmung. Im ersten Auf-

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zug hatte der junge Seemann zwei Zeilen und zwei Takte mehr:

„dem englischen Gast

auf ödem Mast, sinds deiner Seufzer Wehen, die ihm die Segel blähen?« Die Orchesterskizzen (vgl. Brief 114 S. 267 Anm. 2) datieren Akt I 5. November 1857 bis 13. Januar 1858 Zürich, II 5. Juli 1858 Zürich bis 9. März 1859 Venedig, III 1. Mai bis 19. Juli 1859 Luzern. Am 8. oder 9. August 1859 war die Partitur vollendet. Mithin reicht die eigentliche Arbeit am Tristan von August 1857 bis August 1859. Von Herbst 1854 bis August 1857 sind nur Vorarbeiten nachweisbar; und damals war der Parzival noch im Tristan enthalten.

Als der Meister sich vom Siegfried zum Tristan wandte, war es ihm, als entfernte er sich nicht eigentlich aus dem Kreise der durch die Nibelungenarbeit erweckten dichterischen und mythischen Anschauungen (Gesammelte Schriften VI, 378 ff.). Welche geheimen Fäden sich von Tristan zu Anfortas und Parzival weben, wird aus den Briefen klar. Und wenn Hans Sachs auf „ein traurig Stück von Tristan und Isolde" zurückblickt, taucht ein tief innerliches Erlebnis aus dem Grunde der Seele auf. „Wie alles sich zum ganzen webt! Eins in dem andern wirkt und lebt! Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen Und sich die goldnen Eimer reichen! Mit segenduftenden Schwingen Vom Himmel durch die Erde dringen. Harmonisch all' das All durchklingen!« Ja, es war wahrlich eine höchste Blütenzeit reichster Segensfülle im Schaffen Richard Wagners!

Aus den Briefen erwähne ich hier noch besonders den vom 22. Mai 1862 (Nr. 132) über das Vorspiel zum dritten Aufzug der Meistersinger, wozu auch Nr. 125 mit dem Schusterlied tief bedeutungsvoll sich stellt. Im Be-

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sitz von Mathilde Wesendonk befand sich endlich auch der erste Entwurf der Meistersinger, Marienbad, 16. Juli 1845 (Brief 125 S. 293). Auf Briefbögen teilte Wagner der Freundin zunächst einige Bruchstücke der neuen Dichtung mit (Nr. 125, 126) und schenkte ihr endlich die erste Niederschrift der ganzen Dichtung (Nr. 128 S. 295). Aus zahlreichen, immer wieder geänderten Lesarten klärt sich allmählich der Wortlaut ab, den wir in der bei Schott erschienenen Faksimile-Ausgabe vor Augen haben. In der ersten Niederschrift ist der erste Aufzug datiert Paris, 5. Jan. 62, der zweite Paris, 16. Jan. 62, der dritte Paris, 25. Jan. 1862. Was Frau Wesendonk bis 1865 alles sonst noch ver- wahrte und damals dem Meister zum größten Teil zurück- gab, zeigt das Verzeichnis zu Brief 14 des Anhangs S. 360if.

Aus den Briefen 102, 106a, 107 ergibt sich, daß die neue Fassung des Tannhäuser künstlerisch durchaus not- wendig war, daß sie mithin für die Aufführung als einzig gültig zu erachten ist und daß die Dresdener Fassung also nur noch geschichtlichen Wert besitzt. Aus Brief 101/2 S. 213 und 224 erfahren wir, wie der neue Schluß, d. h. vornehmlich die letzten zehn Takte, des Holländer- Vorspieles entstand. „Jetzt, wo ich Isolde's letzte Ver- klärung geschrieben, konnte ich sowohl erst den rechten Schluß zur Holländer-Ouvertüre, als auch das Grauen dieses Venusberges finden.« Nach Brief Nr. 106 b machte Erec und Enide einmal großen Eindruck auf den Meister, jedoch ohne nachhaltige Wirkung.

In den Tagebuchblättern und Briefen finden wir end- lich manche Gedanken, die hernach in die Schriften über- gingen, was zu den betreffenden Stellen kurz angemerkt wurde. Auf die außerordentliche biographische Bedeut- samkeit brauche ich hier gar nicht besonders hinzuweisen. Um aber vor jeder allzu persönlichen und mißverständ- lichen Auffassung dieser Briefe zu warnen, sei Brief 59 besonders ernster Beachtung empfohlen, wo der Meister von der aller Erfahrung vorausliegenden dichterischen Anschauung und künstlerischen Gestaltung spricht. „In

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welch' wunderbarer Beziehung ich nun aber jetzt zum Tristan stehe, das empfinden Sie wohl leicht. Ich sage es offen, weil es eine, wenn auch nicht der Welt, aber dem geweihten Geiste angehörige Erscheinung ist, daß nie eine Idee so bestimmt in die Erfahrung trat. Wie weit beide sich gegenseitig vorausbestimmten, ist eine so feine, wunderbare Beziehung, daß eine gemeine Erkenntnis- weise sie nur in dürftigster Entstellung sich denken können wird.« Im Brief 124 S. 291 schreibt aber auch der Meister: „daß ich den Tristan geschrieben, danke ich Ihnen aus tiefster Seele in alle Ewigkeit!* Wundervoll heißt der Tristan im Tagebuch S. 68 „die Kunst des tönenden Schweigens«. Die mag auch zu allen denen sprechen, die würdig sind, diese Blätter zu lesen.

Die menschlich so liebwerten, rührend schönen Züge in des Meisters Art treten überall hervor. Ergreifend ist sein sehnendes Verlangen nach liebevollem Verständnis in der öden, liebeleeren Welt. Auch sein Verhältnis zur Tierwelt, die „Geschichte seiner Hunde« (vgl. H. v. Wol- zogen, Richard Wagner und die Tierwelt, Leipzig 1890, S. 8) wird durch die häufigen Erwähnungen von Fips und Pohl, die ihn in diesen Jahren treulich begleiteten, wieder aufs wärmste bezeugt. Aus allem Weh ringt sich auch in diesen ernsten Briefen doch immer wieder sein goldener, sonniger Humor empor und keinen Augenblick wird das rastlose Streben, die nie ermattende Beschäftigung wirklich und ernstlich aufgehalten.

Mathilde Wesendonk ist die Verfasserin der fünf Gedichte (vgl. Nr. 45). Vier davon sind im Winter 1857/8 vertont worden. Am 23. Dezember 1857, an ihrem Ge- burtstag, brachte der Meister die Träume, die er für ein Orchester von 18 Musikern instrumentiert hatte, der ver- ehrten Frau als Morgengruß dar. Im „Engel« klingt, wie mir scheint, zweimal bedeutsam das Motiv aus Loges Er- zählung von Weibes Wonne und Wert an: im Nachspiel und zu den Worten „da der Engel niederschwebt«; das Lied endigt mit Anklang an den Schluß von Wolframs Lied an den Abendstern:

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,Ja, es stieg auch mir ein Engel nieder,

und mit strahlendem Gefieder

führt er, ferne jedem Schmerz,

meinen Geist nun himmelwärts.* Wie ein milder Engel erschien ihm die Freundin oft in den Nöten und Stürmen des Lebens. Als , Engel' wird sie oft in den folgenden Blättern angerufen und einmal (Nr. 102 S. 224) nennt er sie auch Elisabeth. Damit ist das Verhältnis aufs zarteste angedeutet. Aus der Musik zu den ,Träumen' ward in Venedig die Liebesnacht des zweiten Tristanaufzuges (Tagebuch 9. Oktober, 22. Dezember 1858). Es heißt im Brief 63 S. 115: „Sie werden einmal einen Traum hören, den ich dort zum Klingen gebracht habe!« Und noch am 28. Sept. 1861 (Nr. 123 S. 287) schreibt der Meister von Erinnerungen überwältigt: „auch das Bleistiftblatt des Liedes fand ich, aus dem die Nachtszene entstand. Weiß Gott! Mir gefiel dies Lied besser als die stolze Szene!« „Stehe still« (21. Februar 1858) enthält als Zitat das schwere Schicksalsmotiv aus dem damals schon fertigen

ersten Tristanaufzug: „wenn r-gr^ j^ b^^~T '. TP

Aug' in Auge wonnig trinken« \^¥-\P—\ cj^ I ^^^^^^^tP .

Am Vorabend seines 45. Geburtstages vertonte der Meister das letzte der fünf Gedichte: ,im Treibhaus', mit seiner schwülen, trauerschweren Stimmung. „Aus seinem lei- tenden Thema klingt ein in schmerzlichem Banne ge- fesseltes, hoffnungsloses Sehnen aus den innersten Tiefen des Seins uns entgegen: das träumende Sehnen der Pflanze aus dem dumpfen Raum nach ihrer fernen sonnigen Heimat, das Sehnen des todwunden Tristan aus dem Vorspiel des dritten Aufzugs« (Glasenapp II, 2, 179). Auch hier ist die Tristanmusik eist später aus den Tönen des Liedes wie die Blüte aus der Knospe aufgegangen.

Als Frau Wesendonk aus Venedig die gedruckte Tristandichtung (Leipzig, Breitkopf u. Härtel 1859) erhielt (vgl. S. 111), schrieb sie Isoldes Worte hinein:

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„Mir erkoren

Mir verloren

Heil und hehr

kühn und feig Todgeweihtes Haupt! Todgeweihtes Herz!" Von den letzten Zeiten im Asyl schreibt der Meister (Nr. 81 S. 157): „nie habe ich mich um die Rosen so be- kümmert, wie damals. Ich brach mir jeden Morgen eine und stellte sie im Glas zu meiner Arbeit: ich wußte, daß ich Abschied von dem Garten nahm. Mit diesem Gefühle hat sich dieser Duft ganz verwoben: Schwüle, Sommer- sonne, Rosenduft und Abschied."

Im Frühjahr und Sommer 1858 waren die nachbar- lichen Beziehungen zu Wesendonks durch die krankhaft überreizte Stimmung Frau Minnas mehrfach gestört worden. Noch am 31. März fand das Beethovenkonzert im Treppen- hause der Villa Wesendonk statt, in dem Wagner eine künstlerische Opfergabe dem Hause seiner verehrten Freunde darbrachte (Glasenapp II, 2, 177). Aber das Asyl auf dem grünen Hügel war auf die Dauer nicht mehr zu erhalten. Zwischen Frau Minna und Frau Wesen- donk war es zu Auseinandersetzungen gekommen. Eine Versöhnung war nicht mehr möglich. Würdige und wünschenswerte Beziehungen zum Nachbarhause waren in Minnas Anwesenheit nicht mehr herzustellen.

Was schließlich den Meister zwang, das Asyl aufzu- geben, hat er selber in einem Brief an seine Schwester Kläre vom 20. August 1858 ausgesprochen, „um Auf- klärungen zu geben, wo sie nötig sein sollten." Es sei hier verstattet, einen Auszug aus diesem allerintimsten Schreiben zu geben, nachdem es einmal doch veröffent- licht^) wurde.

„Was mich seit sechs Jahren erhallen, getröstet und namentlich auch gestärkt hat, an Minnas Seite, trotz der

') In der Täglichen Rundschau vom 23. Sept. 1902, Nr. 223.

XXIV

enormen Differenzen unseres Charakters und Wesens, auszuhalten, ist die Liebe jener jungen Frau, die mir an- fangs und lange zagend, zweifelnd, zögernd und schüchtern, dann aber immer bestimmter und sicherer sich näherte. Da zwischen uns nie von einer Vereinigung die Rede sein konnte, gewann unsere tiefe Neigung den traurig wehmütigen Charakter, der alles Gemeine und Niedere fern hält und nur in dem Wohlergehen des Andren den Quell der Freude erkennt. Sie hat seit der Zeit unserer ersten Bekanntschaft die unermüdlichste und feinfühlendste Sorge für mich getragen, und alles, was mein Leben er- leichtern konnte, auf die mutigste Weise ihrem Manne abgewonnen. . . Und diese Liebe, die stets unausgesprochen zwischen uns blieb, mußte sich endlich auch offen ent- hüllen, als ich vor'm Jahre den Tristan dichtete und ihr gab. Da zum ersten Male wurde sie machtlos und erklärte mir, nun sterben zu müssen!

Bedenke, liebe Schwester, was mir diese Liebe sein mußte nach einem Leben von Mühen und Leiden, von Aufregungen und Opfern, wie dem meinigen! Doch wir erkannten sogleich, daß an eine Vereinigung zwischen uns nie gedacht werden dürfe: somit resignierten wir, jedem selbstsüchtigen Wunsche entsagend, litten, duldeten, aber liebten uns!

Meine Frau schien mit klugem weiblichem Instinkt zu verstehen, was hier vorging: sie benahm sich zwar oft eifersüchtig, verhöhnend und herabziehend, doch duldete sie unseren Umgang, der ja andererseits nicht die Sitte verletzte, sondern nur auf die Möglichkeit, uns einander gegenwärtig zu wissen, abgesehen war. Somit nahm ich an, Minna sei verständig und begriffe, daß hier für sie eigentlich nichts zu fürchten sei, da ja eben an eine Ver- einigung bei uns nicht gedacht werden konnte, und daß daher Nachsicht ihrerseits das Geratenste und Beste sei. Nun mußte ich erfahren, daß ich mich hierüber wohl getäuscht hatte; Geschwätze kamen mir zu Ohren, und sie verlor endlich so weit die Besinnung, daß sie einen

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Brief von mir auffing und erbrach. Dieser Brief, wenn sie ihn eben zu verstehen imstande gewesen wäre, hätte ihr gerade eigentlich die gewünschteste Beruhigung geben können; denn unsere Resignation spielte auch hierin das Thema. Sie hielt sich aber nur an die vertrauten Aus- drücke und verlor den Verstand. Wütend trat sie vor mich und nötigte mich dadurch, ihr mit Ruhe und Be- stimmtheit zu erklären, wie es stünde, daß sie Unglück über sich gebracht hätte, als sie einen solchen Brief er- brochen, und daß, wenn sie sich nicht zu fassen wisse, wir voneinander gehen müßten. Hierin wurden wir, ich ruhig, sie leidenschaftlich, einig. Doch anderen Tages dauerte sie mich. Ich trat zu ihr und sagte: „Minna, du bist sehr krank! Werde gesund, und laß uns dann wieder über die Sache sprechen.« Wir faßten den Plan einer Kur für sie auf; sie schien sich zu beruhigen, der Tag der Abreise an den Kurort nahte. Sie wollte durchaus die Wesendonk vorher noch sprechen. Ich verbot ihr das entschieden. Alles lag mir daran, Minna allmählich mit dem Charakter meiner Beziehungen zu jener bekannt zu machen, um sie so zu überzeugen, daß für das Fort- bestehen unserer Ehe eben nichts zu fürchten sei, wes- halb sie sich gerade nur klug, besonnen und edel be- nehmen, jeder törichten Rache entsagen und jede Art von Aufsehen vermeiden sollte. Endlich gelobte sie mir dies. Doch ließ es ihr nicht Ruhe. Hinter meinem Rücken ging sie doch hinüber und ohne es wohl selbst zu begreifen verletzte sie die zarte Frau auf das Gröb- lichste. Da sie ihr gesagt: „Wäre ich eine gewöhnliche Frau, so ginge ich mit diesem Briefe zu Ihrem Mann!* so hatte die Wesendonk, die sich bewußt war, nie vor ihrem Manne ein Geheimnis gehabt zu haben (was natür- lich eine Frau, wie Minna, nicht begreifen kann!), nichts zu tun, als sofort ihrem Manne diesen Auftritt und den Grund davon zu berichten. Hiermit war denn auf eine rohe und gemeine Weise in die Zartheit und Reinheit unserer Beziehungen hineingegriffen worden, und manches

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mußte sich ändern. Mir gelang es sehr spät erst, meine Freundin darüber aufzuklären, daß einer Natur, wie der meiner Frau, eben Beziehungen von dieser Hoheit und Uneigennützigkeit, wie sie zwischen uns bestanden, nie begreiflich zu machen wären; denn mich traf ihr ernster, tiefer Vorwurf, dies unterlassen zu haben, während sie ihren Mann stets zum Vertrauten gehabt hatte. Wer nun begreifen kann, was ich seither (es war damals Mitte April) gelitten habe, der muß auch begreifen, wie mir endlich zu Mute ist, da ich erkennen muß, daß die un- ausgesetzten Bemühungen, die gestörten Verhältnisse fort- zuerhalten, durchaus nichts fruchteten. Ich habe Minna drei Monate mit der höchsten Sorgfalt in der Kur gepflegt; um sie ruhig zu machen, brach ich endlich während dieser Zeit allen Umgang mit unseren Nachbarn ab; nur für ihre Gesundheit besorgt, versuchte ich alles mögliche, sie zur Vernunft und Einsicht in das ihr und ihrem Alter Geziemende zu bringen: Alles umsonst! Sie beharrt in den trivialsten Vorstellungen, erklärt sich beleidigt, und kaum etwas beruhigt, bricht bald die alte Wut aufs neue hervor. Seit einem Monat, wo Minna während wir Besuch hatten wieder zurückgekehrt ist, mußte es endlich zur Entscheidung kommen. Die beiden Frauen so dicht beieinander, war fernerhin unmöglich; denn auch die Wesendonk konnte es nicht vergessen, daß ihr, zum Lohn ihrer höchsten Aufopferung und zartesten Rück- sichten für mich von meiner Seite her, durch meine Frau so roh und verletzend begegnet worden war. Auch war nun unter den Leuten davon gesprochen worden. Genug, die unerhörtesten Auftritte und Peinigungen für mich ließen nicht nach, und aus Rücksicht auf jene wie auf diese mußte ich mich endlich entscheiden, das schöne Asyl, das mir mit solcher zarten Liebe bereitet worden war, aufzugeben.

Jetzt bedarf ich aber der Ruhe und vollkommensten Abgeschlossenheit: denn was ich zu verschmerzen habe, ist viel. Minna ist unfähig, zu begreifen, welche un-

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glückliche Ehe wir von je geführt haben; sie bildet sich das Vergangene alles anders ein, als es war, und wenn ich Trost, Zerstreuung und Vergessen in meiner Kunst fand, glaubte sie am Ende gar, ich hätte deren niemals bedurft. Genug, hierüber bin ich mit mir zum Abschluß gekommen; ich kann diese ewige Zänkerei und miß- trauische Laune nicht mehr um mich dulden, wenn ich noch meine Lebensaufgabe mutig erfüllen soll. Wer mir genau zugesehen hat, der mußte sich von jeher über meine Geduld, Güte, ja Schwäche wundern, und wenn ich jetzt von oberflächlichen Beurteilern verdammt werde, so bin ich dagegen unempfindlich geworden; nie aber hatte Minna eine solche Veranlassung, sich der Würde, meine Frau zu sein, werter zu zeigen, als jetzt, wo es galt, mir das Höchste und Liebste zu erhalten: es lag in ihrer Hand, zu zeigen, ob sie mich wahrhaft liebe. Aber, was solche wahrhafte Liebe ist, begreift sie nicht einmal, und ihre Wut reißt