Thienemann, Tivadar

Die deutschen Lehnwörter der imgarischen Sprache.

UNGARISCHE BIBLIOTHEK

Für das Ungarische Institut an der Universität Berlin herausgegeben von ROBERT GRAGGER

======================= Erste Reihe =========

4.

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache

Von

Th. Thienemann

520123^

Berlin und Leipzig 1922 Vereinigung wissenschafthcher Verleger

Walter de Gruyter & Co.

lormals G. J. Göschen'sche Verlagshandlung J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung Georg Reimer ^ Karl J. Trübner Veit & Comp.

Ungarische Jahrbücher

Zeitschrift für die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Fragen Ungarns und seiner Nachbarländer, herausgegeben von

PROFESSOR DR. ROBERT GRAGGER

DIREKTOR DES UNGARISCHEN INSTITUTS AN DER UNIVERSITÄT BERLIN Die Ausgabe der „Jahrbücher" erfolgt in Viertel jahrsheften im Umfang v, ca. 5 Bogen.

Inhalt des ersten Bandes. I. Aufsätze und Berichte:

Bajza, J. V., Die kroatische Publizistik während des Weltkrieges. / B0NKÄ16, A., Die ungarländischen Ruthenen. I. Die Ansiedlung der ungarländischen Ruthenen. II. Ursachen der geistigen und wirtschaftlichen Rückständigkeit der Ugro-Russen. III. Hun- garismen in der ugro-russischen Kultur. / Buday, L. v., Die Bevölkerungsbewegung in Ungarn und der Krieg. Landwirtschaftliche Produktion in Ungarn. / Fuchs, A. v., Skizze des ungarischen Bankwesens. / Gombocz, Z., Die bulgarische Frage und die un- garische Hunnensage. / Gragger, R., Unser Arbeitsplan. / HorvÄth, J. v., Das Genossen- schaftswesen in Ungarn. / Kvassay, E. v., Die Donau vom Standpunkt der Schiffahrt. / Malyusz, E. V., Die Entstehung des Komitates Turöc. / Moor, E., Die deutschen Spiel- leute in Ungarn. / Rez, M. v., Gedanken über Stephan Tisza. / Sebess, D. v., Die Agrarre- form in Ungarn. / Taganyi, K., Alte Grenzschutzvorrichtungen und Grenzödland: gyepü und gyepüelve. j TakÄts, A., Ungarische und türkische Berufsschreiber im 16. und 17. Jahr- hundert. / Thim, J. R., Die Gründungsversuche Jugoslawiens 1848/49. / Viczian, E. v., Die Wasserkraft der Donau. / Zolnai, B., Ungarische Literatur 1906 1921.

II. Kleine Mitteilungen und Anzeigen:

Angyal, D., Neuere Literatur über den ungarischen Freiheitskampf 1848/49. / CoNCHA, V., De ungarische Publizistik 1918 1920. / Gragger, R., Die turanische Be- wegung in Ungarn. / Über Emil Jacobs: Untersuchungen zur Geschichte der Bibliothek im Serail zu Konstantinopel. Alte ungarische Legenden, Sagen, Schwanke und Fabeln. / Kiraly, G., Deutsche Sagen und Schwanke in einem ungarischen Teufelsbuche. / Pek.\r. D., Roland v. Eötvös. / Tolnai, W., Das große Wörterbuch der ungarischen Sprache. Über Sp. Gopcevi : Österreichs Untergang die Folge von Franz Josefs Mißregierung. / Das Ungarische Institut an der Universität Berlin. Die Gesellschaft der Freunde des ' Ungarischen Instituts. / Die ungarische Übersetzungsliteratur 1918 1920. / Bibliographie.

III. Besprochene Werke:

Fried JUNG, H., Historische Aufsätze. / Geist-lÄnyi, P.,Das Nationalitäten-Problem auf dem Reichstag zu Kremsier 1848/49. / Gop evi , Sp., Österreichs Untergang die Folge von Franz Josefs Mißregierung. / Horvat, R., Izborna reforma u Hrvatskoj. / Jacobs, E., Untersuchungen zur Geschichte der Bibliothek im Serail zu Konstantin opel I. / JÄszi, 0., Mult ds jövö hataran. / Ivanov, Juznoslavensko pitanje. / Jurtcic, Svjetski rat i Hrvati. / Kaindl, R. F., 1848/49 1866 1918/19. Des deutschen Volkes Weg zur Katastrophe und seine Rettung. / Kalmar, A., A d^lszlav k6rd^s. / Kiraly, G., Az Miasszonyunk szüz Maria csodairölvalöh^t Lcgenda. Egyözvegy asszonyrol valö histöria. Egy nemes emberröl ds az ördögrol valö histöria Heltai Gaspär irasiböl. / Körösi Csoma- Archivum. / Kovacevic, M., Die Kroaten kommen. / Lippay, Z., A magyar birtokos köz^posztaly 6s a közelet. / Margitai, J., A horvat- 6s a szlavonorszägi magyarok sorsa, nemzeti v6delme 6s a magyar-horvat testveris6g. / Milcinovic, A., und Krek, J., Kroaten und Slowenen. / Orczv, A., Demokratizmus 6s fogalomködösit6s. / Prohäszka, 0., Kultura 6s Terror. / Rez, M., Külpolitikai tanulmanyok. / Schiemann, Th., Geschichte Rußlands unter Kaiser Nikolaus l. / Sproxton, Gh., Palmerston and the^Hungarian Revo- lution. / Südland, L. v., Die südslawische Frage imd der Weltkrieg. / Szekely, St., A forradalmak ütja 6s a kereszt6ny politika. / Szücsi, J., A horvat k6rd6sr61. Horvat välasztöjog. / Trocs.^nyi, Z., Az ördög meg az leanyzö. / Vadnay, T., A magyar jövo. / W.(ilder), V., Dva smjera u hrvatskoj poHtici. / Wittmann, E., A nemzetis6gek önrendel- kez6si jog4nak multja 6s jelene.

Sonderabdruck aus „Ungarische Jahrbücher" Band II. Druck und Verlag der Vereinigung wissenschaftlicher Verleger, Berlin W lo, 1922.

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache.

Von Th. Thienemann.

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache wurden wiederholt behandelt, aber erst den neueren, eingehenden Unter- suchungen einiger ungarischer Sprachforscher ist es gelungen, die Anschauungen über Alter, Herkunft und Umfang des deutschen Lehngutes in der ungarischen Sprache einem vorläufigen Abschluß entgegenzuführen. Da diese Ergebnisse der ungarischen Sprach- wissenschaft einige Schlaglichter auf die Expansionskraft der deutschen Sprache werfen und für die deutsche Sprachgeschichte nicht ohne Interesse sein dürften, versuche ich auf den folgenden Seiten den historischen Verlauf der deutsch-ungarischen Sprach- mischung, wie sie sich in verschiedenen Zeitläuften, in verschie- denen, über- und nebeneinander lagernden Schichten in den un- garischen Wortbestand eingeprägt hat, in knapper Zusammenfassung darzustellen.

Die ungarischen Grammatiker des 17. und 18. Jh. erwähnen zuweilen, daß deutsche Wörter in den ungarischen Wortschatz ein- gedrungen seien (z. B. Stef. Geleji Katona 1645, Corpus Gramma- ticorum Lingvae Hungaricae veterum. Ed. Franciscus Toldy, Pesthini, 1866, p. 307). Ihre Beobachtungen beschränken sich nur auf neuere Fremdwörter, deren Vorhandensein ohne weiteres erkennbar war; sprachhistorisches Interesse verrät sich sonst in ihren Notizen nicht. Nur der Hermannstädter Altertumsfreund Johannes Tröster, der von einer beträchtlichen Gelehrsamkeit in dem Alt- und Neii-Teutschen Dada (Nürnberg, 1666) Kunde gab, weiß an die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache weitere historische Folgerungen zu knüpfen. Er ist der sonderlichen Mei- nung, daß die Ungarn von den in Dacien ansässig gewesenen Ger- manen abstammten, deshalb sucht er zu erweisen, daß „die Ungerische heutige Sprach wohl das halbe Theil aus der Teutschen erörtert werden" kann (S. 96). Er stellt Wörter zusammen, irrt sich dabei meist gründlich, trifft aber in einigen Fällen doch das Richtige. Daß deutsch Ziel und ungarisch cel, ebenso Turm: torony, Scheuer: csür,

g^ Th. Thienemann.

Sturm: ostrom, Schanze: sänc, Safran: sdfräny, scharren: zsarolni, Schwager: sogar, Barbier: borbely, Leiter: lajtor zusammenhän- gende Wortformen seien, hatte er zuerst erkannt, denn „diß sind nun ja deutliche teutsche Wort welche niemand als ein unver- schämter Mensch läugnen kan!" (S. 95). Hieraus folgert er zu vor- eilig: „ja aus der Alten Gotischen ist die unsere entstanden. Also ist nun der größte Beweis, daß die Sprache der Ungarn aus der Alten und Neuen Teutschen Sprache kann gedeutet werden". Tröster weiß somit noch nicht Verwandtes und Entlehntes voneinander zu unterscheiden, deshalb beurteilt er das Verhältnis beider Sprachen grundfalsch, dennoch bleibt es beachtenswert, wie dieser sieben- bürgische Historiograph in den spärlich veröffentlichten altdeutschen Sprachproben belesen ist und ganz vortrefflich nachweist, daß ein- zelne ungarische Wortformen nur aus den älteren deutschen Formen gedeutet werden können. Seine Vermutungen über die Herkunft der Ungarn wurden von seinen Zeitgenossen für irrig erkannt, und damit erlosch für Jahre das Interesse für die deutschen Lehnwörter. Das Problem der Sprachverwandtschaft stand im Vordergrund des historischen Interesses, und durch die Erforschung der deutschen Lehnbeziehungen konnte man dieser zentralen Frage der ungarischen Sprachwissenschaft nicht beikommen. So kam es, daß nach langer Pause erst im 18. Jh. Johann Christoph Adelung von neuem unternahm, das deutsche Lehngut in der ungarischen Sprache zu sammeln und zu sichten. Für seinen Mithridates oder allgemeine Sprachenkunde schrieb er eine Charakteristik der ungarischen Sprache und versuchte. dabei, die deutschen Elemente aus dem un- garischen W^ortbestande herauszuschälen. Seine Arbeit, die von einer staunenswerten Belesenheit in den älteren ungarischen Glos- sarien zeugt, übersandte er dem deutsch-ungarischen Schriftsteller Karl Georg Rumy^), mit dessen Verbesserungen und Nachträgen sie nach AdelungsTode erschien*). Adelung greift Trösters richtige Etymologien auf und vermehrt sie um ein Beträchtliches.

Unabhängig von diesen Anfängen versuchten ungarische Glossographen die deutschen Worte der ungarischen Sprache zu ermitteln. Der erfolgreichste Sammler war Stephanus Leschka mit seinem Elcnchns vocabidorum Enropaeormn (Budae 1825), nach ihm Dankovszky in dem Magyaricae linguae Lexicon critico-etymo- logicum (Posonii, 1830 36). Weit über Adelung kamen aber diese

1) Seinen Brief veröffentlichte ich EPhil.K. 1912, 99. Vgl. Ungar. Rundschau 1913, 55-

2) Mithridates. Berlin 1809, IL 777 79.

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache. g'y

fleißigen Etymologen nicht hinaus; es fehlt ihnen, wie Adelung, der historische Blick für die Sprachentwicklung. Dies gilt selbst für die erste Studie, die diese Frage methodischer darzustellen sucht: Zacharias Vizoly: Germän elemek magyarban (Die germanischen Elemente im Ungarischen), Deva, 1880.

Nach diesen mangelhaften Versuchen sammelte Johann Melich: die deutschen Lehnwörter. Seine Studie Nemet vendegszök, Nyr. 2/ erschien vermehrt in deutscher Sprache: Viktor Lumtzer und Joh. Melich: Deutsche Ortsnamen und Lehnwörter des ungarischen Sprachschatzes (Innsbruck, 1900), sie enthält fast den gesamten Wortbestand, dessen deutsche Herkunft sich erweisen ließ. Aus dem gesammelten Material ergibt sich die Antwort auf die Frage, die Melichs folgende Studie als Titel trägt: Melyik nyelvjäräsböl valök a magyar nyelv regi nemet jövevenyszavaif (Welcher deutschen Mundart entstammen die alten deutschen Lehnwörter der ungari- schen Sprache?) (Budapest, 1900). Das Ergebnis beruht auf der Voraussetzung, daß die deutschen Lehnwörter jener deutschen, genauer ungarländisch-deutschen Mundart angehören, deren Laut- form sich mit der entsprechenden ungarischen Lautform am besten deckt. Z. B. ung. csap entspricht ahd. zapfo, mhd. zapfe, im mfränk. und in dem ungarländischen siebenbg.-sächs. und Zipser Dialekt zapp. Somit ist das ungarische Wort einem mfränk. Dialekt entlehnt, und der Unterschied der Konsonanten (ung. p : deutsch pf ) erklärt sich aus der deutschen dialektischen Form. Durch solche Lautvergleichungen wurde das Ergebnis dieser Untersuchung ge- wonnen: ,,Die Ungarn standen zur Zeit der Landnahme mit der bayrisch-österreichischen Mundart in keiner näheren Berührung, die deutschen Bestandteile ihrer ältesten Kultur verdanken sie nicht Bayern und Österreichern, sondern Mittelfranken" (S. 45). Seit der Zeit dieser Erkenntnis gewann man durch neue Ouellenpublikationen einen tieferen Einblick in den ungarischen Wortbestand des 15. und 16. Jh., und dadurch wurden die zeitlich aufeinanderfolgenden ver- schiedenen Schichten der deutschen Lehnwörter erkennbar. Mit Verwertung der neuerschlossenen Quellen überprüfte Johann Melich seine Ausführungen und suchte innerhalb der deutschen Lehnwörter das alt-, mittel- und neuhochdeutsche Lehngut vonein- ander zu sondern (MNy. VI. u. XII.). Es kamen noch kleinere etymologische Funde hinzu, die Lautgeschichte förderte Gideon Petz, A hangsiUy a germän nyehekben, Der Akzent in den ger- manischen Sprachen (Ak. Ert. 1896, 587 92). Die folgende Dar- stellung stützt sich vor allem auf den bereits gesammelten Wort-

gg Th. Thienemann.

bestand, den Melich für das Studium der deutsch-ungarischen Lehnbeziehungen erschlossen hat.

I.

Ungarn und Deutsche trafen nach der Landnahme zuerst als Nachbarvölker zusammen, deshalb beginnt die Geschichte der Lehn- beziehungen beider Sprachen mit der ungarischen Landnahme. Die ältesten deutschen Lehnwörter beziehen sich auf das eroberte Land, sie kamen infolge der Besitzergreifung des neuen Landes in den ungarischen Wortschatz. Das Jahrhundert nach der Landnahme, die Zeit von 895 1000, dürfte die Periode ihrer Einbürgerung sein.

Einige geographische Namen, die sich auf den ungarischen Grund und Boden beziehen und bereits vor der Landnahme bei den Donaugermanen bekannt gewesen sind, wurden in germanischer Lautform in die Sprachen der fremden Nachbarvölker aufgenommen. Die Namen Duna (Donau) und Bakony tragen in ihrer Lautform die Spuren einer germanischen Sprache an sich. Die Entwicklung beider Wörter scheint parallel verlaufen zu sein. Der Entwicklungs- reihe: kelt. Danuvios *Döriaivjo > germ. ~ (Nom. Dönazvi, Acc. Donauja) > *Ddnavia > spätgot. A^-jvotCi-.; (Diinavis), ahd. Tou- nouwe, slaw. Dunavh und Diinaj, ung. Duna entspricht in der Laut- entwicklung kelt. Bacenis: germ. Böconia > Buconia, ahd. Buoh- hunjta, ung. Bukon, die ältere Namensform von Bakony. Der Name Mosony könnte ebenfalls auf gleiche Weise entstanden sein. Der Name Fertö lautet nach dem Beleg der Conversio Bagoariorum et Carantanorum Vertowe. Es ist dies wohl eine Umdeutung eines keltisch-lateinischen Namens auf germ. ouzve > ozve, wie Toiin-ouwe aus Danuvios. Wir finden somit im ungarischen Wortschatz einige an dem eroberten Boden haftende Namen, die schon vor der Land- nahme bekannt gewesen und aus einer germanischen Sprache in den ungarischen Wortschatz eingedrungen sind. Das Wie und Wann kann durch sprachliche Mittel nicht erschlossen werden.

Wie die angeführten geographischen Namen, scheinen auch t'nige auf Land und Boden bezügliche deutsche Wörter noch im Jahrhundert nach der Landnahme in den ungarischen Wortschatz eingedrungen zu sein. Ung. föld, altung. fcld ist der Lautform nach verwandt mit germ. '^felpa > ahd., asächs., ags. f'eld, mhd. veld, nhd. Feld; ebenso ung. holom, altung. holni verwandt mit germ. ^•'liolma - > asächs., ags. holm, anord. holmr, mnd. holm; ung. hi'ikk, altung. l ik ist verwandt mit germ. ^höka - > anord. bok, ags. höc, ahd. huohha, nhd. Buche. Dies sind vielleicht die ältesten

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache. g9

germanischen oder deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache. Gemeinsame Merkmale weisen darauf hin, daß diese Wörter auf ungefähr gleichem Wege und in gleicher Zeit in die ungarische Sprache gekommen sind. Sie sind die ältesten schriftlich überliefer- ten ungarischen Wörter deutschen (germanischen) Ursprungs : holm findet sich einige Male in der Gründungsurkunde der Benediktiner- abtei Tihany 1055, bik und feld kommen in der sog. Conscription von Bakonybel (1806/95/12. Jh.) vor. Zur Zeit ihrer Aufzeichnung sind es bereits verbreitete Wörter („uulgo dicitur bik zadu" ), die in etwas jüngeren Quellen häufig wiederkehren, deshalb dürften sie im IG. Jh. übernommen worden sein (vgl. die genaueren Angaben in SzAMOTA-ZoLNAi: Magyar Oklevel-Szotär. Ungarisches Urkunden- wörterbuch. Budapest 1902 06. s. v.). Auch in der Bedeutung dieser drei ältesten Lehnwörter zeigt sich ein gemeinsamer Zug: sie weisen nicht auf kulturelle Beziehungen, sondern bezeichnen allein das Land und den Boden, der erobert wurde. Germ, '-feipa bedeutet ursp, „Bodenfläche" (vgl. Falk-Torp: Norw. -Dänisch es Etym. Wh. Heidelberg, 191 1), woraus sich einerseits die Bedeutung campus, andererseits die Bedeutung terra entwickelt hat. In den germ. Sprachen verbreitete sich die Bedeutung campus, doch terra, wie im Ungarischen, bedeutet das anorw. fold. Daß dieses Wort tatsächlich an dem ungarischen Boden haftete, dafür finden wir bei Paulus DiACONUS die zufällige Bestätigung fHü^.Lang.<?o.j, wo erwähnt wird, daß die Langobarden das Flachland, welches sie bewohnten (die ung. Tiefebene) veld genannt hätten. Mit der Buche wurden die Ungarn, soweit dies aus Hoops: Waldbäume und Ktdtur pflanzen S. 31 ff. zu bestimmen ist, erst in ihrer ständigen Heimat bekannt. Der Wander- zug der Ungarn liegt außerhalb der Verbreitung der Buche, und erst der Weg über die Karpathen führte sie in die Zone ihrer Ver- breitung. Die Lautformen dieser ältesten Lehnwörter stehen auf gleicher Stufe: die Konsonanten liegen zeitlich hinter der ersten und vor der zweiten Lautverschiebung. An ahd. Vermittlung ist aus folgendem Grunde nicht zu denken: bik kann nicht durch ahd. buoJiha, wie Bnkon nicht durch ahd. Buohhuna, Duna nicht durch ahd. Tounouwe vermittelt worden sein: Iiolm fehlt übrigens dem Ahd. und kam erst durch die Schriftsprache in den nhd. Wortschatz. Ebenso fehlt dem ahd. Sprachschatz für feld die Bedeutung terra. Das germ. "boka -, *Jiolma - haben auch die slawischen Sprachen ebenfalls vor der zweiten Lautverschiebung entlehnt (hliim'h, biiki»). Die Betrachtung dieser drei ältesten Lehnwörter feld, bik, holm führt uns somit zu demselben Ergebnis, wie die Namen Duna, Bakony

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USW.: diese Wörter beziehen sich auf den Boden und entstammen einer germ. Sprache, die durch die zweite Lautverschiebung noch nicht verändert wurde. Es muß dahingestellt bleiben, auf welchem Wege diese Worte in das Ungarische kamen. Der Weg der germ. Wörter in die ungarische Sprache im Zeitalter der Landnahme ist noch immer ein ungelöstes Problem der ungarischen Sprach- geschichte.

IL

Jünger als die Entlehnungen aus der Zeit der Landnahme sind jene deutschen Lehnwörter, die auf kulturelle Beziehungen des deutschen und ungarischen Volkes hinweisen. Die kulturelle Berührung beider Völker ist ein im.merwährender Prozeß, der mit der Landnahme beginnt und ohne Unterlaß den Lauf der ungari- schen Geschichte begleitet. Der deutsche Wortschatz ist eine nie versiegende Quelle der ungarischen Sprache, deshalb läßt sich die Geschichte der deutschen Lehnwörter nicht mit einem bestimmten Jahre abschließen. Das deutsche Lehngut bildet keinen toten Be- stand im ungarischen Wortschatz, wie dies z. B. bei den türkischen Entlehnungen der Fall ist, da die ungarische Sprache die lebendige Berührung mit den Türksprachen schon längst verloren hat. In je spätere Zeit der Querschnitt fällt, an dem wir den Umfang der deutschen Lehnwörter messen wollen, desto bunter und reicher wird das Bild sein, das wir daraus gewinnen. Für die ältesten Zeiten ist die Zahl und der Stofflsreis der deutschen Lehnwörter ziemlich eng umgrenzt.

Die ahd. Periode der deutschen Sprache endet in jener Zeit, da Stephan der Heilige sein Volk in den abendländischen christlich- germanischen Kulturkreis einführte. Lehnwörter aus dem Ahd. könnten nur in der kurzen Zeitspanne, die zwischen der Landnahme und Stephans Regierung liegt, übernommen worden sein. Wir kennen den ungarischen Wortbestand dieser Zeit so gut wie gar nicht, folglich können wir uns auch kein Urteil darüber erlauben, inwieweit ahd. Sprachgut in dem ungarischen Wortschatz des lo. Jh. vorhanden gewesen ist. Es fehlen auch anderweitige Quellen, die über nähere deutsch-ungarische kulturelle Beziehungen im lo. Jh. berichten, deshalb läßt sich über die althochdeutschen Lehn- wörter der ungarischen Sprache nichts Bestimmtes aussagen').

^) Melich urteilt anders. ,,In unserer Sprache finden wir hochdeutsche Lehn- wörter aus althochdeutscher Zeit." MNy. 6, ii8 20; 12, 290 92.

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache. 91

Die Lautform einiger ungarischen Wörter, die für die ältere Zeit bezeugt sind, scheint dennoch auf die ahd. Sprache zu verweisen. Ein ausgestorbener ungarischer Baumname: iva, iva-fa (erster Beleg 1251, letzter Beleg 1395; vgl. Urkundenwb. ad arborem uulgariter Iwa vocatam) entspricht dem ahd. iwa = Eibe und aslaw. "iva =: Weide. Die Bedeutung von ung. iva ist nicht genau zu bestimmen, deshalb ist auch die vermittelnde Sprache nicht erkennbar, es steht bloß fest, daß, falls dieses Wort aus der deutschen Sprache in die ungarische kam, die Entlehnung noch in ahd. Zeit fällt (ahd. izua > mhd. izve). Auf kulturelle Beziehungen kann man aus diesem Worte keine Schlüsse ziehen.

Noch fragwürdiger ist die ahd. Abstammung einiger kulturellen Lehnwörter. Ung. szekreny = Schrank hängt mit lat. scriniiim und dessen jüngeren entlehnten Formen zusammen : ital. scrigno, kirch.- slaw. skrina, ahd. scrini > mhd. schrin > nhd. Schrein. Lautlich würde schon wegen des anlautenden "^szk- > ^ssek- Konso- nantengruppe — die Möglichkeit einer ahd. Entlehnung naheliegen, jedoch ist dieses Wort erst für das 15. und 16. Jh. bezeugt; in den älteren ungarischen Sprachdenkmälern wird Schrein mit gasofilaciom bezeichnet (vgl. Melich: Szläv jövevenyszavaink. Slawische Lehn- wörter der ungarischen Sprache, Bpest, 1903, S. 15). Ebensowenig läßt sich die ahd. Entlehnung der ung. Wörter marha = Vieh : ahd. marah, kaptar = Bienenkorb: ahd. cheftcr erweisen. Nach der Er- wägung aller Kriterien der Lautform und der Bedeutung wird man sich mit dem negativen Resultat begnügen müssen, daß ahd. Lehn- wörter für die ungarische Sprache mit Sicherheit noch nicht erschlossen worden sind.

in.

Die kulturellen Beziehungen von bleibendem Bestand und nach- haltiger Wirkung knüpfen sich an die Bekehrung der Ungarn und an ihre freiwillige Eingliederung in die mittelalterlich-feudale Gesell- schaftsordnung. Der deutsche Einfluß beginnt bereits im 1 1. Jh. seine Früchte zu tragen. Seit Stephans Zeiten wandern deutsche hospites in das Land, sie kamen als Gäste des Königs und wurden mit Gütern belehnt. Durch diese sporadischen und individuellen Siedlungen sickert die deutsche Kultur allmählich in den ungarischen Boden ein. Der deutsche Einfluß in Ungarn trägt derzeit noch ein aristokra- tisches Gepräge, er verbreitet sich noch nicht auf breite Volks- schichten, sondern erscheint nur in der obersten Schicht der feudalen Gesellschaftsordnung. Diesen vornehmen, individuellen und feudalen

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Th. Thienemann.

Charakter der frühen deutschen KuUurbeziehungen erkennen wir in der Sprache an deutschen Personennamen, die anfangs spärlich, später immer zahlreicher in den Urkunden und Chroniken der Är- pädenzeit vorkommen. Die deutschen Personennamen aus der Ärpädenzeit sammelte Melich : Szläv jövevenysza- vaink. Die slawischen Lehnwörter der ungarischen Sprache. Buda- pest, 1903, S. 135 ff. Diese Personennamen, Männer- und Frauen- namen, gehören dem alten, germanischen Bestand des deutschen Namenvorrates an, ein Teil bürgerte sich meist nach mannig- fachen lautlichen Veränderungen in die ungarische Sprache ein, andere verschwinden wieder mit der Zeit aus den Urkunden und Chroniken, da auch die Gäste, die sie trugen, das Land verließen. In diesen altungarischen Namen liegt ein Stück germanisches Heroentum, wie es sich in den zweigliedrigen Männernamen in späteren Zeiten erhalten hat. Namen auf herht sind z. B. Adel- herht, Gilebertus > Gyilbertos, Ruobertus > Rubarth, Lampertus

> Lompert, Bertrammus (Kezai: De nob. adven.); Namen auf rieh: Ascricus (mhd. Escherich), Thidrich > Detrich > Detre (Urk.Wb.), Hedricus > Hedre, Henricus > Henrik, Emricus >, Hemericus, Imbrech, Imreh, Emre, Embre; Ulrich > Orly, Udal- ricus > Odor; Namen auf bald, old: Arnolt, Ratoldus > Rätöt, Gerolth > Gyiröt, Ulf old > Ulfodus, Chatold > Hadolth > Hahot (MNy. I, 82), Theobald > Tiboldus de Dechuntlant (Kezai), Wernolt > Vernolt; Namen auf her: Guntherius > Günter, Waltherius > Galter us, Wolferus; auf hard: Gerhardus > Gerar- dus, Gelerd, Geliert, Leonhardus > Lenärd; auf heim: Anshelmus

> Anselni > Ensel, auf man: Herman, Altman de Fridburg miles coridatus ex patria Turingorum (Kezai), ferner: Conradus > Con- rard > Korlät, Riidlep, Lntoivic, Godefridus > Gaufredus, Gerva- sius > Gyärfäs, ahd. Mahtin > Majteny usw. Unter den alten un- garischen Frauennamen begegnen wir ebenfalls den zweigliedrigen germanischen Namen: Mahthilde > Mahtelt, Mehtild, Idolindis wird zu Jolenth, Joleth, Jolantha, Jolench (MNy. I, 37), Agilinda

> Aglint, Irmtrud > Iruntruth (MNy. XI, 336), Gertrud, Adwiga, Walpurgis. Eingliedrige Frauennamen Hilta, Gunda, Mine, Golda, Froa, Gera kommen häufiger vor. (Die altungarischen Frauennamen sammelte Jakubovich, MNy. II, 280 ff. und Wertner, Nyr. 46, 10 ff.)

Auch die germanischen Kosenamen haben Eingang gefunden, die ursprüngliche Bedeutung der Koseform ging dabei natürlich ver- loren. Die meisten sind mit //;/ gebildet: Ecilimis, Macilinus,

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache. 93

Wecelinus, dabei finden sich einige auf ilo, il > el, lo > la: Tassilo > Thaslo, Embel, Ernel, Gredil, Radla, Günsel > Köncöl. In der ungarischen Bezeichnung für die Gestirne des großen und kleinen Bären, Göncöl ssekere, Göwcö/^-Wagen, lebt vielleicht eine alte germ. Vorstellung dieses Gestirnes weiter (vgl. Gideon Petz: Nyr. 41, 87 93). Aus Koseformen entstanden die Personennamen Ildico, Kunzio, Francio, Folco, Haymo usw.

Die Träger dieser Namen kamen zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen deutschen Landstrichen nach Ungarn, folglich ist auch die Lautform der Namen, die sie trugen, vielfach abgestuft. Eine allmähliche Abschwächung der tonlosen Vokale läßt sich in den Namen Macilin, Wecelin, Thaslo beobachten. Vor dem Umlaut steht Ascricus, Macilin, andere Formen haben den Umlaut bereits durch- geführt: Göncöl, Günter, Mehtild.

Einen Teil der deutschen Personennamen finden wir als Orts- namen in der ungarischen Sprache wieder: Majteny, Hahöt, Rätöt. Daran erkennen wir, daß die deutschen Jiospes von den Arpäden Lehngüter empfangen hatten.

IV.

Die Quellen des ungarischen Wortschatzes beginnen für das 13. 14. Jh. etwas reichlicher zu fließen (die ältesten Glossare von Schlägl und Bistriz). Die deutschen Lehnwörter, die uns aus diesen beiden Jahrhunderten bekannt sind, teilen sich in zwei Gruppen: sie beziehen sich zum Teil auf das höfisch-ritterliche Leben, zum Teil auf städtisch-bürgerliche Verhältnisse.

Die eine Gruppe der deutschen Lehnwörter fand durch das höfisch -ritterliche Leben Eingang in den ungarischen Sprachschatz. Diese Lehnwörter bestätigen das vorhin gewonnene Ergebnis: die einwandernden Deutschen wurden in die obersten feu- dalen Schichten der ungarischen Gesellschaftsordnung aufgenommen, und in dieser führenden Gesellschaftsklasse, die dem König Kriegs- und Lehndienste leistete, wurde der deutsche Einfluß zuerst ein wirk- sames Ferment der ungarischen Kultur. Den aristokratischen An- strich dieses deutschen Einflusses vertritt am deutlichsten das ung. herceg (erster Beleg 1240)^) < mhd. herzöge. Im Ungarischen ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes wie im Mhd. verblaßt, es wurde zum bloßen Titel, der dem höchsten Gesellschaftskreise zukam. Das Lehen wird altung. leJiön, lehen genannt (erster Beleg 1226,

*) Ich entnehme die Jahreszahl des ersten Beleges immer dem Urkunden- Wörterbuch von SzAMOTA und Zolnai: Magyar Oklevelszötär.

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letzter Beleg 1425) < mhd. Wien; die Steuer, die dem Lehnsherrn abzugeben war, heißt hold (letzter Beleg 1469) < mhd. hold, huld. Das Wort ist erhalten geblieben in dem Zeitwort hödol (früher hol- dol) (huldigen) (vgl. MNy. 5, 444). Diesem feudalen Vorstellungs- kreise gehört auch frigy , Bündnis' an < mhd. vride. Im Mhd. be- deutet das Wort bekanntlich den vertragsmäßigen Waffenstillstand: aus dieser Bedeutung entwickelte sich einerseits nhd. ,Friede' , ander- seits die Bedeutung ,Pakt, Bündnis' im Ung. frigy. Die Kriegsbeute heißt in der alten Sprache hitang, dieses Wort scheint einem mhd. bitimge zu entstammen, allein diese mhd. Wortform weiß ich nicht nachzuweisen. Der Landsitz des Lehnsherrn ist altung. hostdt (erster Beleg 1262/1392), auch houstat, hofstdt < mhd. hovstat, hovestat. Diese Wörter, die meist schon aus dem 13. Jh. für die ungarische Sprache belegt sind, gehören zweifelsohne der mittelhochdeutschen Schicht der deutschen Sprachentwicklung an ; sie bezeichnen höfische Kulturbegriffe und sind nicht das spezielle Eigentum dieses oder jenes Dialektes, sondern Gemeingut der ganzen deutschen Sprache. Deutsche mundartliche Eigenheiten sollen deshalb in diesen Wörtern nicht gesucht werden.

Der Vorstellungskreis, der durch die angeführten Wörter be- zeichnet wird, läßt sich noch beträchtlich erweitern. Wir finden eine Reihe ungarischer Wörter, die zwar für das 13. Jh. urkundlich nicht belegt sind, jedoch dem Sinn und der Bedeutung nach dem ritterlich- feudalen Kulturkreis angehören und offenbar mit der ritterlichen Kultur im Laufe des 13. 15. Jh. in Ungarn eingedrungen sind. Es handelt sich dabei meist um modische Fremdwörter, die aus Frank- reich über den Nieder rhein in das mittel- und oberdeutsche Sprach- gebiet eindrangen und von dort an die ungarische Sprache weiter- gegeben wurden. Das französierende Rittertum mag auch auf anderem Wege nach Ungarn Eingang gefunden haben italienische Vermittlung spielt dabei sicher eine Rolle*) aber aus folgenden Wörtern ist klar zu erkennen, daß die ritterlich-höfische Kultur vor allem durch deutsche Vermittlung in Ungarn eingeführt wurde. Als Symptom ihrer Aufnahme können einige höfische Personennamen gelten, z. B.: Tristan 'komvai seit 1255, Izalt (Isalth)"seit 1330 in un- garischen Urkunden vor.

*) Wan nie chain sprach wart Den Ungern so gemain Sam weichisches alain sagt Ottokars Reimchronik, Pcrz III, 358.

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache. 95

Die höfischen Worte umspannen den ganzen Umkreis des ritter- lichen Lebens. Sie beziehen sich auf Wohnung: kastely ist die Bezeichnung des Ritter Schlosses (erster Beleg 1463) < mhd. kastei, torony, älter torn ,Turm' (erster Beleg 1324) < mhd. torn, turn, erkely (1412 vulgo erkel) < mhd. erker; auf Dienerschaft: hopmester, früher auch opmester, hofmester (1431) < mhd. hof- meister, hove-nieister; porkoldb (1368) < mhd. burgraf, bedeutet wie im Mhd. , Burgvogt', im Ung. später , Kerkermeister'. Auf das höfisch-gesellige Leben, Jagd und Spiel deutet lajJmnt (1395/96) < mhd. leithund, leihund. In den Chroniken findet sich als verschriebene Lesart legerfalk, legisfalk, womit der Jagd- falke, mhd. gervalke, ital. gerfalco, franz. gerfaut gemeint ist. Natür- lich wird die Waffenübung mit tornir, turnel (1572) < mhd. tornir, turnier bezeichnet. Die Laute bezeichnet lant, älteres laut aus spät- mhd., nhd. laute. Das Wort kommt in Urkunden seit dem 15. Jh. in Personennamen vor (1428) Georgius Lautos). Deutsches Lehngut sind die Wörter für ritterliche Waffen und Kleider. Waffe ung. fegyver scheint deutschen Ursprungs zu sein, aber das lautlich ent- sprechende mhd. ^vchd-zver konnte bis jetzt nicht aufgefunden werden; päncel, älteres pdncer (1354 Johannem dictum Paneel)

< mhd. panzer, ponsier; heim, helym < mhd. heim (1329 Nicolaus dictus Helmes); pikonhog (1433) < mhd. beckenhübe; salap < mhd. slappe; der Kopfschmuck der Frau wird krcncöl (1348 Chrenchul)

< mhd. krenzel, krenzelin genannt. Der Helmschmuck heißt cimer

< mhd. simier. Das Wort entwickelte im Ungarischen einerseits die Bedeutung ,crista' (1326 Cristam inferius descriptum que vulgo Cymer dicitur), andrerseits die Bedeutung ,Wappen, insignia' (1332 pro signo et titulo insignii galealis formam augustarii vulgariter Cimer dictam) : hieraus erkennt man noch, daß der Helmschmuck der Ritter aus Wappen und Federschmuck zusammengesetzt wurde. Ritterliche Kleidungsstücke waren galler < mhd. gollier, kollier; kacagäny < mhd. casagän; korcovät < mhd. korzewät oder kursät. Waffennamen sind bärd (1272) < mhd. barte, gerely (1490) scheint auf eine Deminutivform von gcr zurückzugehen, eine solche ist je- doch nicht belegt. Auf Kriegs- und Heerwesen deuten die Worte fullajtär (1522 fellajtar) < frühnhd. vorreiter, hoher , Henker', älteres hohär < mhd. hoJicr, hährere, zsäkmäny , Beute' (1399 sac- man fecisset) < mhd. sackman (vgl. sackman machen, Jellinek: Mhd. Wb. s. V.), cel, älteres czil < mhd. zil. Das ritterliche avcntiure > abenteuer fand sonderbarerweise keine Aufnahme in die un- garische Sprache, es wurde später durch ein bürgerliches W^ort

96 Th. Thienemann.

ersetzt. Wie sich die Ideale des Rittertums innerhalb der abend- ländischen, hochmittelalterlichen Kultur bei allen Völkern verbrei- teten, so sind auch die ritterlichen Ausdrücke und Schlagworte wan- derndes Lehngut. Der französische Anteil tritt noch im ungarischen Wortbestand deutlich hervor: mhd. turnier: afr. tournier; mhd. panzier: afr. panchir; mhd. zinner: afr. cimiere; mhd. gollier: afr. Collier; mhd. casagän: afr. gasygan, casaquin; hingegen aus der deutschen Sprache kam nach Frankreich mhd. helme: afr. (h)elme, hcaume, andere Wörter stammen aus einer dritten Quelle: lat. castel- lum > mhd. kastei, afr. cJiastel; norv. geirfalki > mhd. gervalke, afr. gerfaut; arab. al'üd: portug. alaiide, span. laut, afr. leitt, mlat. luta, mhd. lüte usw. Diese wandernden Kulturwörter, die aus der mhd. Sprache in den ungarischen Wortschatz kamen, sind im Mhd, selbst meist Lehnwörter. Beachtenswert bleibt die große Verbrei- tung dieser Wörter : sie sind nicht bloß im ungarischen Wortschatz, sondern in den slawischen Sprachen der Nachbarvölker meist durch ungarische Vermittlung vorhanden. Sie kamen nicht über eine umgrenzte Berührungslinie der deutschen und ungarischen Sprache in unseren Wortschatz, sie gehören keiner Mundart deutscher Siedlungen in Ungarn an, sondern sie wurden in die un- garische Sprache übertragen infolge der vielseitigen, andauernden und weitverzweigten Verbindungen, die die ungarische ritterliche Welt mit der deutschen vereinten'^).

V.

Die zweite Gruppe der deutschen Lehnwörter aus dem 13. und 15. Jh. bezieht sich auf das städtisch-bürgerliche Leben. Die Gründung der älteren Städte reicht in die Ärpädenzeit zurück, ihre Entwicklung fällt in das 13. bis 15. Jh., in die Zeit, da das Bürgertum als eine neue Gesellschaftsklasse innerhalb der feudalen Gesellschaftsordnung seinen Aufstieg und seine Blütezeit erlebte. Das Bürgertum der alten Städte setzte sich aus verschiedenen Volks- und Gesellschaftsschichten zusammen, die Mehrheit ergaben deutsche Kolonisten. Die deutsche Kolonisationsbewegung nach Südosten verleiht dem ungarischen Städteleben ein deutsches Ge- präge. Die lat. Urkunden nennen die Einwanderer ,,saxones et theutonici", ung. werden sie szasz (erster Beleg 1329 Zaaz) < mhd.

^) Einzelnes über ritterliche Wörter bei TaGÄnyi: Szäz. 28 (1893), 305 307 (über die kulturhistorische Bedeutung des Bistritzer Glossars). Sacherklärungen für ritter- liche Ausdrücke bei Alwin Schultz: Das höfische Leben zur Zeit der Minnesinger. Leipzig, 1879 ; über die Sprache des französierenden Rittertums neuerdings Kluge: Deutsche Sprachgeschichte. Leipzig, 1921, 274 286.

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache. 97

sachse genannt. Das deutsche Bürgertum ist das entwicklungs- fähigste und lebenskräftigste Element im mittelalterlichen Staaten- gebilde, es übt den größten kulturellen Einfluß aus nach oben auf den ungarischen Adel und nach unten auf die große Masse des Land- volkes. Wie das Bürgertum durch Handel und Gewerbe und durch die entwickelte Geldwirtschaft höhere und niedere Stände unter seinen Einfluß zu bringen weiß, so breitet sich auch die bürgerlich- städtische Kultur auf weite Gesellschaftskreise aus. Diesen Verlauf können wir in der Sprache beobachten: die ungarischen Wörter für das bürgerliche Leben, städtische Institutionen, Kleingewerbe, Han- del, Geld, Gewicht und tausenderlei andere Dinge, die an dem all- täglich-bürgerlichen Berufsleben haften, sind zum Teil aus der deutschen Sprache übernommen: die deutsche Entlehnung spricht für die bürgerliche Herkunft der Wörter und Begriffe. Die Wörter bezeichnen meist alltägliche, unentbehrliche Dinge, deshalb haben sie sich zäher im ungarischen Wortschatz erhalten als die Schlag- wörter des Rittertums. Die Wörter des französierenden Rittertums kamen als internationales Wandergut in unseren Wortschatz, die bürgerlichen Wörter dagegen sind weit bodenständiger, sie stammen meist aus den deutschen Siedlungen in Ungarn, deshalb treten mund- artliche Eigenheiten in ihrer Lautform deutlicher hervor.

Die ganze Wortgruppe ist am besten vertreten in dem ung. polgär , Bürger', eines der ältesten deutschen Lehnwörter: es ent- stand aus ahd. burgäri > mhd. hiirgaere, kommt in Urkunden und Personennamen seit dem 14. Jh. vor, in älteren Quellen findet sich noch die Form purgar. In der Volkssprache bedeutet ung. polgär nicht bloß , Städtebewohner', sondern ,Landarbeiter' : diese Doppel- bedeutung deutet auf das hohe Alter der Entlehnung, denn die Städte waren anfänglich Bauernsiedlungen, ihre Bewohner trieben vor allem Landwirtschaft und nur nebenher Handel und Gewerbe. Mlat, bnrgenses bezeichnet alle Hörige der königl. Domäne, der bitrg, nicht bloß Städtebewohner, und in dieser allgemeineren Bedeutung wurde das Wort ursprünglich verwendet. Mit der Zeit verblaßt die Bedeutung immer mehr und erstreckt sich nicht einmal auf alle vollrechtigen Städtebewohner, sondern beschränkt sich auf die Mitglieder des Magistrats (MNy. 4, 45 ff., 5, 107 ff., 6., 119 ff.).

Das Leben der deutschen Bürger unterschied sich vor allem durch rechtliche Institutionen und durch die autonome Verwaltung der Städte von dem Leben der Landbevölkerung. Unter den älteren bürgerlichen Lehnwörtern finden wir deshalb mehrere Ausdrücke für die autonome Verwaltung und Rechtspflege der Städte. Ung.

Qg Th. Thienemann.

soltesz und gereb bezeichnen Stadtrichter. Soltesz < mhd. schultheise wurden in Ungarn ursprünglich die Führer der Arbeitsgruppen genannt, die die Rodung der Karpathenwälder durchführten. Die Führer solcher Siedlungen nannte man deshalb mhd. schultheise, weil ihnen in unzugänglichen Waldstrichen, wo sie die Rodung be- trieben, das Recht der freien Gerichtsbarkeit zustand. Auf den Rodungen entwickelten sich Dörfer, mit der Zeit Städte und bei den veränderten Verhältnissen blieb soltesz die Benennung des Dorf- oder Stadtrichters (erster Beleg 1393: duas villas novas dividant villici ipsorum soltecz dicti, vgl. Bekefi-Emlekkönyv. Festschrift für Prof. Bekefi, Budapest, 1912, S. 106 117 Victor Brückner). Gereb stammt aus der md. Form graeve (ahd. grdvjo) und bewahrt die ältere Bedeutung, da Graf kein bloßer Titel war, sondern die Amts- würde des obersten Gerichtsvorstehers bezeichnete (1369/99: comite vulgo greb dicto). Das Wort ist in dieser Bedeutung noch heute auf md. Sprachgebiet gebräuchlich; da die ersten Belege aus Sieben- bürgen stammen, kam es wahrscheinlich aus der Sprache der Sieben- bürger Sachsen in den ungarischen Wortschatz (Melich, NyK. 27, 206 210). Das nhd. graf wurde als gröf in späterer Zeit über- nommen (erster Beleg 1409).

Das deutsche Bürgertum brachte seine Organisationen, das Zunftwesen, nach Ungarn. Die Zunft wird ung. mit ceh be- zeichnet < mhd. zeche, zech, das in dieser Bedeutung mehrfach belegt ist. Das ung. ceh findet sich zwar bloß in jüngeren Quellen (1466), die Entlehnung reicht aber sicher noch in das 14. Jh. zurück. Auf Privilegien und Steuerbegünstigungen nehmen Bezug die Wör- ter stör, älteres steur (1430 CoUectas vulgo Stheor dictus) < mhd. steur, Stilire, das ungarische Wort wurde später volksetymologisch umgedeutet in ostoradö d. h. , Peitschensteuer'; peregreht, pergereht (1278 jura montana quod vulgariter peregreht dicitus) < mhd. bergrecht, es bezeichnet die Steuer, die nach Weingärten zu zahlen war, purugreht, porkrecht (1388) < mhd. burgrecht, purgalejtes (1586) < mhd. bürgerrechtlich.

Der Name einer religiösen bürgerlichen Organisation blieb erhalten im ung. kaland, kalandos < mhd. kaland. Das ungarische Wort nahm später die Bedeutung , Abenteuer' an und bezeichnete somit durch einen gut bürgerlich-religiösen Ausdruck den höfischen Begriff der aventiure, dessen Name bezeichnenderweise im ungari- schen Wortbestand keine Aufnahme fand. In den deutschen Städten Ungarns bildeten sich, wie anderorts in Deutschland, religiöse Zünfte, die den Namen Brüderschaft des Heiligen Leichnams oder

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache. 99

Kalandshriiderschaften trugen (< lat. calendas), die Kalands- brüder, kaland wurden auch ungarisch Kalandostärsak genannt. Der Verfall dieser religiös-sozialen Organisationen, besonders nach der Reformation, scheint dem Wort seinen frommen Sinn genommen und seine Bedeutung in , Abenteuer' geändert zu haben (Szilägyi Sändor: A kalandosok törtenetehez. Zur Geschichte der Kalands- brüder. Skäz. 1876, 87 90).

Das gewerbetreibende, zunftmäßig organisierte deutsche Bürger- tum brachte naturgemäß eine Reihe von Gewerkschaftswörtern in die ungarische Sprache. Für das 15. Jh. sind bereits belegt: bognär (1410) < mhd. wagenoere ; pinter (1419) < mhd. binder; csaplär (1400) , Schenkwirt' < mhd. ^sapfelaere; diese mhd. Form ist nicht belegt; borbely (1436 borbel, barbel) < frühnhd. barbier. . Das deutsche Bürgertum gab auch dem ungarischen Handelsstand den Namen: kalmär (1304 kalamär) < mhd. krämoere; kiifär in der- selben Bedeutung ist zwar erst für das 16. Jh. belegt, scheint aber doch auf mhd. koiifer zurückzugehen. Mit Handel und Gelderwerb kamen Wörter und Begriffe in die ungarische Sprache, die dem Ackerbau und Viehzucht treibenden Ungartum unbekannt und von Haus aus fremd waren. Auf die Ware bezieht sich bäl (1355) < mhd. balle, auf das Maß: fertdly (1367/1407 fertal, ferthayl) < mhd. vierteil; mec (1368) < mhd. nietze, messsely (1495 meczel) < mhd. metsei; auf das Gewicht: f ertön (1594) < mhd. vierdun g, fönt (1434) < mhd. Pfund; auf das Geld: garas (1487) < mhd. grosche, hierher zu zählen wäre das unerklärte filier , Heller', falls es, wie wiederholt vermutet wurde, aus mhd. vierer ,Vierkreuzerstück' ent- standen wäre. Der Handel, besonders der Tuchhandel, führte Städte- namen als Warenbezeichnungen in unseren Wortschatz ein: die Stoffe aus Gent wurden genti (ganti 1286), aus Mecheln: mehli (melhi 1382), aus Lözuen: löbi (levi 1358), aus Aachen: dhi (1361) nach der älteren Namenform Ach, pernis (1442) < mhd. bernisch nach Bern (Verona) benannt. Im Schlägler und Bistrizer Glossar findet sich lellah < mhd. leilach. Diese Wörter gingen der Sprache- später verloren, erhalten blieb bloß gyolcs ,Linnen' < mhd. golsch, kölsch ,kölnisches Zeug', dagegen kolonya (1372) aus C otogne ist ebenfalls ausgestorben. Entlehnt wurde ferner safely, saßly, safir < mhd. sephir und cendely (1473) < mhd. zendel, zindcl, die Be- deutung blieb unverändert. Das altung. irch (später durch irha ver- drängt) < mhd. irch.

Bemerkenswert scheint, daß sich diese bürgerlichen Lehnwörter fast alle auf Handel und Gewerbe beziehen und die Hauptbeschäfti-

^QQ Th. Thienemann.

gung der Masse des ungarischen Landvolkes, Ackerbau oder Vieh- zucht, überhaupt nicht berühren. Bloß einige Spuren deutscher Lehn- wörter lassen sich für das 14. 15. Jh. in dem Wortvorrat der Land- wirtschaft nachweisen: csür (1493 magnum stabulum vulgo chyr)

< mhd. schiure, tönköly, älteres tenkel (1496) < mhd. dinkel, hak (als Personenname bereits 1240 belegt) < mhd. hok mit unveränderter Bedeutung. Die deutschen Siedler gewannen dem Boden vielmehr durch Rodung und Bergbau seine Schätze ab. Bergwerksausdrücke sind bloß wenige aus dem 15. Jh. belegt, darunter finden wir die Lehnwörter erc (1377) < mhd. erze, hämor (1367 hamur) < mhd. hamer , Hammerwerk'.

Einige Lehnwörter aus dem 14. 15. Jh. benennen die Lustig- macher des Mittelalters (vgl. Ung. Jahrb. i, 281 ff.), die in höfisch- ritterlichen Kreisen ebenso Eingang fanden, wie in den Städten, obzwar sie rechtmäßig aus dem Kreise ehrbarer Bürgersleute aus- geschlossen waren. Lator (als Personenname seit 1345 belegt) < mhd. loter, lotter, tdncos (als Personenname seit 1359), folglich tänc

< mhd. tans; diese Wörter brachten die Nachkommen des Mimus aus Deutschland nach Ungarn. Die Phraseologia von Wagner (1775) übersetzt lat. liidio, histrio mit ung. jätekos, alakos, tdncos, cinkos, komediäs, deutsch , Gaukler'. Danach scheint cinkos ebenfalls deutschen Ursprungs zu sein, die Herkunft ist aber nicht genügend geklärt, kökler < nhd. gaukler wurde in späterer Zeit übernommen. Auf Lustigmacher bezieht sich trdgar (1495) < mhd. tragaere, es scheint anfänglich mit der gleichen Bedeutung verbunden gewesen zu sein wie das neue Fremdwort tröger < nhd. Tröger. In diesen Wörtern stellte sich mit der Zeit eine Bedeutungsverschiebung in peiorativer Richtung ein: das ethische Urteil, das sich in diesem Bedeutungswandel kundgibt, ist nicht bloß für die Lebensweise der Spielleute bezeichnend, sondern verrät auch die unverhohlene Mei- nung der rechtschaffenen Bürgersleute über das Wandervolk, das kein zunftmäßiges Gewerbe trieb, sondern aus dem Erfolg des Spieles und der Kunst sein Dasein fristete. Das Ofener Stadtrecht spricht den Spielleuten den Rechtsschutz ab: purgalejtes < mhd. biirger rechtig sind sie auch niemals geworden.

All diese Wörter scheinen aus den deutschen Städten in Ungarn in die ungarische Sprache gedrungen zu sein. Die Sprache dieser Städte ist zum Teil mitteldeutsch, so in den nordungarischen Berg- städten und in der Zips, in den siebenbürgischen Städten der Sach- sen, zum Teil oberdeutsch in den westungarischen Städten und in Ofen. In den älteren Lehnwörtern soweit mundartliche Eigen-

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache. \0X

Schäften darin überhaupt zum Ausdruck kommen treten die mitteldeutschen Eigenheiten stärker hervor, als die oberdeutschen, deshalb liegt die Folgerung nahe, daß das städtische Bürgertum, das in Ungarn kulturelle Bedeutung erlangte, überwiegend dem mitteldeutschen Sprachgebiet angehörte. Oberdeutsch scheint die Verschiebung des inlautenden d > t (hinder

> pinter) zu sein, hingegen der Lautwandel von b > p ist auf beiden Sprachgebieten verbreitet (burger > polgär, bergreht > peregreht). Auf mitteldeutsches Sprachgebiet weisen hingegen pf

> / (Pfund > fönt), pf > p (sapfeler > csaplär), w > b (wagenasre > bognär), in mitteldeutschen Mundarten findet sich der Wandel o > a (bok > bak, loter > lator, grosche > garas, biutunge > bitang), sicher mitteldeutsch ist (golsch > gyolcs). Frei- lich läßt sich nur schwerlich eine scharfe Grenze zwischen Laut- wandel innerhalb der deutschen Sprache vor der Entlehnung und Lautsubstitution durch die ungarische Sprache infolge der Ent- lehnung ziehen, deshalb kann man nur mit großem Vorbehalt Schlüsse auf die Heimat der Lehnwörter ziehen. In einigen Fällen (w > b, Pf > f, a > o) mögen Formen durch Lautsubstitution ent- standen sein, die mitteldeutsch aussehen (vgl. unten VIL).

VI.

Im i6. und 17. Jh. erhielt das deutsche Lehngut der ungarischen Sprache einen bedeutenden Zuwachs. Wir finden während dieser zwei Jahrhunderte weit mehr deutsche Lehnwörter, als in der ganzen vorangegangenen Zeit, und dies erklärt sich nicht nur daraus, daß der ungarische Wortschatz aus dieser Zeit schon in mannigfachen Beziehungen und in seinem ganzen Reichtum ausgebreitet vor uns liegt, was für die vergangenen Jahrhunderte nicht der Fall war, sondern es ist eine natürliche Folge und ein notwendiger Nieder- schlag des Anwachsens der deutschen Bevölkerung, der verstärkten Beziehungen zu Österreich und des kulturellen Einflusses, den die Habsburgdynastie und die Reformation für Ungarn bedeuten. Die beiden getrennten Wortgruppen des höfischen und des bürgerlichen Lebens schwellen durch neue Entlehnungen zu immer größerem Umfang an, die Grenzlinien verschwinden, es kommen deutsche Lehnwörter aus den verschiedensten Lebenskreisen in den ungari- schen Wortschatz: der deutsche Einfluß umspannt die ganze Masse und Breite der aufsteigenden ungarischen Kultur und kommt in allen Beziehungen des Lebens zur Geltung.

2

J02 ^^- Thienemann.

Die Wandlung der mittelalterlichen Kultur im i6. und 17. Jh. läßt sich am deutlichsten innerhalb der als höfisch-ritterlich bezeich- neten Wortgruppe beobachten. Der mittelalterliche feudale Staat geht der Auflösung entgegen, mit ihm schwinden auch die ritter- lichen Reiterscharen, die den Kriegsdienst als Lehnspflicht leisteten: an ihre Stelle tritt das Söldnerheer, meist Fußvolk, es kämpft mit der neuen Waffe des Schießpulvers. Für das Wesen dieser neuen Verhältnisse ist das Wort ::sold, früher szold, bezeichnend < mhd. sold, daraus gebildetes zsoldos , Söldner* (erster Beleg 1357 als Eigenname) bezeichnete wohl auch allerlei Lohndiener, aber vor- nehmlich das um Sold geworbene Kriegsvolk (wie Soldat). Tn gleicher Bedeutung finden wir auch soldonär (1476), soddoncir < frühmhd. soldener und ung. zsolner < nhd. soldner. Das erste regu- läre Söldnerheer stellte 1487 Maximilian L durch den Orden seiner LandsknecJite auf, sie wurden das Heer der Dynastie und spielen seit dem 16. Jh. auf ungarischem Boden eine große Rolle: ung. werden sie lanckenet und lanc genannt. Eine Streckform von lanc scheint mir Iah an c zu sein, der Name der Landsknechte, dann der Partei, die gegen die aufständischen ,kuruczen' an Habsburgs Seite kämpfte (vgl. lander > labander bei H. Schröder: Streckformen. MNy. 9, 35). Aus einem ähnlichen Bedeutungswandel ist suhancär , Schurke' zu erklären. Als bestes Fußvolk wurden die Schweizer gerühmt: nhd. Schweitzer > ung. svajncär (1491) > swancär > suvancär > suhancär (vgl. suhancär dob Schweitzer trommel, urk. belegt 1556), das Wort wurde später zu suhanc verkürzt MNy. 8, 362). Das Söldnerheer brachte das Schießpulver in das Land; die Schieß- w^affen tragen zum Teil deutsche Namen. Ung. puska kam durch slawische Vermittlung aus frühnhd. bucJise, unmittelbar entlehnt sind mozsär, älteres morzsär (1490) < frühnhd. inorser; mordäly (1592) < frühnhd. morder ( waffe) ; tarack, älteres tarrasch (1490)

< frnhd. tarrass (buchse) ; sarfatil (1551) < frnhd. scharf entin (M. Ny. I, 172); wahrscheinlich aus der deutschen Sprache ist pisztoly

< nhd. pistol, franz. pistole entlehnt. Soldatische Ausdrücke sind ferner: cajt-häz, älteres cejt-häs < nhd. aeughaus, dessen Verwalter der cajbert, cajbort < nhd. seugwart. Eine gebräuchliche Waffe der L-^ndsknechte ist halapärt, hellebärd (nemet halapärth 1581) < nhd. hellebard. Übernommen wurde Jiarc , Kampf < nhd. hatc; sarc älteres sacc (1594) , Tribut' < nhd. schätz; ostroni, älteres stürm, nstrojn, istkorom < nhd. stiirm; glet, glit (glit-level) < frühnhd. gleit (geleit-brief). Die meisten soldatischen Ausdrücke stammen aus den romanischen Spiachen, doch scheinen sie durch die Vermittlung der

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache. 103

deutschen Soldatensprache in den ungarischen Wortschatz geraten zu sein, wie kornetäs (1493) < frühnhd. cornet, fr. cornette, trom- bita < frühnhd. trumpef, fr. trompette etc.

Die Wortgruppe des deutschen städtischen Lebens bereicherte ebenfalls nach allen Richtungen den ungarischen Wortschatz. Be- sonders die Handelslehnwörter für Ware, Gewicht, Geld und Maß erhielten im 16.- 17. Jh. einen reichlichen Zuwachs. Daß sich die Handelsbeziehungen ausbreiteten, erkennen wir wieder an den Städtenamen, die die Tuchhändler zur Bezeichnung ihrer Waren gebrauchen: wir finden igler (1522) aus Iglau, lörömberger, lerem- berger und nörömherger (1529) aus Nürnberg, londis (1516) und fajlondis (1598) aus nhd. hmdisch und feinlundisch, purgamäl, auch pergamäl, perkamer, porkamer (151 1) aus Bergamon. Der Waren- verkehr ist reicher und bunter geworden, man gebrauchte deutsche Worte für die immer neu auftauchenden Handelsartikel: ametiszt, gyemdnt (15 16 dyamanth) < nhd. diamant, demant, kristäly (1458 cristal), hering auch her eng, stokfis (1522), cukor (1587) < nhd. Zucker, zsinor, älteres snor (1556) < nhd. schnür, pleh (1490) < nhd. blech, perec (1544) < nhd. bretze. Meist in Verbindung mit Warenbezeichnungen trifft man die Lehnwörter cikkely, ursp. ,das Teil von irgendetwas', < nhd. zwikkel, stock (1522) < nhd. stück, selejt, älteres slejt < nhd. schlecht, spring-selyem ist ,spring-Seide', wohl auch deutscher Herkunft, aber bis jetzt unerklärt. Für Tiere wird bonta < nhd. bunt (?) mit unveränderter Bedeutung verwendet. Auf Maß und Geld bezügliche Lehnwörter sind: ejtel (1550) < nhd. achtel; tucat, tucet (1635) < frühnhd. dutzet; kilf (1544) < nhd. kufe; taller (1544 thaler) < nhd. taler.

Neue Gewerbeausdrücke weisen auf die Ausbreitung des deutschen Gewerbes: komplär (1469) , Krüger' ist wohl aus früh- neuhd. kumpf, kump gebildet von *kunipeler, das aber in den Wörter- büchern nicht belegt ist; furmäny (furmänyos-szeker 1635) ^ ^"'h*^- f uhrmann, paller (1493) < nhd. palier, alt. parlier; verschiedenes Werkzeug wird mit Lehnwörtern benannt: tegel (1556) < frnhd. iegel, pres < bayrisch-öst. presch, räspoly < bayr.-öst. raschpel. Aus der Werkstatt des Kunstgewerbes kam fortely < nhd. vorteil ,Kunstgriff'. In höchster Entwicklung stand das Kunstgewerbe der Goldschmiede in den Bergstädten Nordungarns und Siebenbürgens. Auf deutsche Goldschmiedekunst deuten die Worte cuzat (17. Jh.) < nhd. Zusatz; islog ,flitter', auch slög, eslög (1488) < nhd. schlag; gelet, auch glet , Silberschaum' < nhd. glätte; goront, gront (17. Jh.) < nhd. grund; konszt , Zeichenmuster' (konsztos-köngyv löoi") <

JQ4 Th. Thieneraann.

nhd. kunst; hogldr (1505) , Spange oder Ring mit eingefaßten Steinen'

< frühnhd. huckler, buckel , Metallbeschlag in der Mitte des Schildes'. Aus der Goldschmiedewerkstatt scheint rajzol, älteres rajszol (17. Jh.) <nhd. reißen in der Bedeutung von Zeichnen hervorgegangen zu sein. Kontär , Pfuscher' (1500) erinnert ebenfalls an die Metallarbeit,

< frühnhd. kunter-{-mQ.\siQr) , bedeutet urspr. den Verfertiger des konterfeis, der Legierung oder Nachbildung edler Metalle durch unedle, später bedeutet das Wort alle nicht zunftmäßigen Hand- werker, die für das Empfinden der bürgerlichen Moralität Pfuscher sind.

Auch die Bergwerkssprache bereichert sich in dieser Zeit mit den deutschen Lehnwörtern: hiita (1536) < nhd. hutte, schmelz- hutte; hutmäny (1616/43 huttman) < nhd. hutmann; hever (1616 heuer) < nhd. heuer; gostydn (16. Jh.) < nhd. goldstein; gepely (geppel, gepel 1530) < nhd. gepel, göpel; stomp (17. Jh.) < stampf, stampf mühle ; stöinpöly (1556 stempely) < nhd. Stempel; zomänc (1490 zmalc) < nhd. smalz schmelz; kohö neben dem Verbum kohol

< nhd. kochen.

Für die deutschen Entlehnungen dieser Jahrhunderte bleibt es bezeichnend, daß sie sich samt und sonders nicht mehr in einige Begriffskategorien einteilen lassen, sondern allseitig das Leben um- schlingen, und alle Beziehungen und Verhältnisse der Menschen betreffen. Der kulturelle Einfluß, der aus den deutschen Städten Ungarns strömt, nimmt in diesen zwei Jahrhunderten an Breite und Umfang zu. Die Lehnwörter umspannen den ganzen Umkreis der Sachen, die die Altertumskunde „Hausaltertümer" nennt, das private Leben, Haus und Hof, Familie und Sitte. Aus den Wörtern der Krämer und Handwerker kam vändorol (16. Jh.) < nhd. wandern; ceger (1525) , Aushängeschild' < nhd. zeiger; auf Haus und Hof bezieht sich: zsindcly (1522 sindel, sendely) < nhd. schendel, schin- del; palänk (1425 plank) < nhd. planke; gädor (14. Jh.) < nhd. gader, gatter; Gerätschaften: kanna (1509) < nhd. kanne; vanna (1596) < nhd. wanne; lajt (1533) < bayrisch-öst. lait , Gefäß voll \Vasser'; auf dem Umweg über slawische Sprachen kam lajtorja (1493 lajtra) aus nhd. Iciter; löcs < nhd. leuchse; safel sefely (1557 seffel) < nhd. scheffel, schaffei; szeccel (1521 Zeczelsek) < sessel; horosta (1564) < frühnhd. horste, bürste; Kleidung: kittel < nhd. Kittel; suiirc (1494) < nhd. schürz; Küche und Speise: fölöstököm (1544 iröstököm felestek) < frühnhd. frühstück; hölehipp (1544)

< hohlhippe: kukrejt (1527) < bayr.-öst. kuchnkrait, Küchen- kräuter; bükköny (1549) < nhd. wicken; Billikom ,Krug' (17. Jh.)

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache. 105

< nhd. willkom; farsang (1495 fassang) < nhd. fasching; sögor (1450) älteres svögor < nhd. schzvager. Im 17. Jh. finden wir auch die Wörter der alamode ung. alamödi, wie frajcimmer (fraucimmer). Personennamen wurden zu Appellativa in lutter ,lutheraner'; fukar ,geizig' < nhd. fucker Fugger; grohianiis hat im 17. Jh. Eingang in die ungarische Sprache und Literatur gefunden.

VII.

Im 18. und 19. Jh. erreicht der Zustrom der deutschen Wörter seinen Höhepunkt. Im Laufe dieser beiden Jahrhunderte dringen die deutschen Lehnwörter in alle Zweige des ungarischen Wort- schatzes ein, sie werden auch diesmal besonders durch das Militär und durch die deutsche Bevölkerung der ungarischen Städte ver- mittelt. Die Wörter der deutschen Soldatensprache bürgerten sich besonders nach Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht und nach Verwirklichung der Österreich-ungarischen gemeinsamen x\rmee mit deutscher Dienstsprache in die ungarische Volkssprache ein. Ver- himk (Werbung), berdö (17. Jh.) < wer da, silbak (Schildwache). obsit (Abschied), bakter (wachter), capisträng (Zapfenstreich) und andere Wörter der österreichischen Soldatensprache sind gut volks- tümlich-ungarische Ausdrücke geworden. Der sprachliche Einfluß der städtischen Bevölkerung steigt in dem Maße, wie das ursprüng- lich nur deutschsprechende Bürgertum sich des Ungarischen als zweiter Sprache bedient und schließlich das Ungarische als Um- gangssprache annimmt.

Im 14. 16. Jh., da das Bürgertum überwiegend allein die deutsche Sprache gebrauchte, kamen die deutschen Lehnwörter meist mit den Sachen, die sie bezeichneten, als wandernde Kulturwörter in das Ungarische, hingegen im 18. und 19. Jh., als das deutsche Bürgertum massenhaft die ungarische Sprache annimmt, geraten deutsche Wörter infolge der Sprachmischung in den un- garischen Wortschatz. Die zweisprachigen Volkskreise mischen deutsche Wörter in ihre ungarische Umgangssprache, die sie er- lernen, offenbar empfinden sie die deutschen Wörter ausdrucksvoller, als die später erlernten ungarischen. Durch die Literatur verbreiteten sich diese Lehnwörter aus den Gebieten der Mischsprache bis hin- ein in den Bestand der boden festen ungarischen Mundarten. Die ungarische Sprache gewann in den vergangenen Jahrhunderten zweifelsohne Raum auf Kosten der imgarländischen deutschen Sprache, es sei aber nicht vergessen, daß diese Ausbreitung der ungarischen Sprache eine naturgemäße An-

106 Th. Thienemann.

gleich ung an die deutsche zur Folge hatte. Die ungarische Sprache geriet auf dem neugewonnenen Boden unter den Einfluß der deutschen Sprache, was nicht allein an massenhaften Wortenlehnungen erkennbar ist, sondern in noch zahlreicheren Lehnübersetzungen, übernommenen Redensarten und Angleichungen des Satzbaues zum Ausdruck kommt. Jedoch dieses ganze neuein- geführte I.ehngut trägt noch den Stempel des Fremden und Vul- gären; die deutsche Herkunft ist noch derart im Bewußtsein der ungarischen Sprache, daß die gepflegte und gehobene Literatur- sprache diese neu entlehnten Wörter meidet oder bewußt als Fremdes verwertet. Wir überschreiten somit im i8. und 19. Jh. die natürliche Grenze zwischen Lehnwörtern und Fremdwörtern.

Die deutschen Fremdwörter verändern durch Lautsubsti- tution bei der Übernahme ihre Lautform. Diese Lautsubstitutionen scheinen in einigen Fällen Lautveränderungen älterer Lehnwörter zu erklären, z. B. : bogriar < nhd. wagner muß nicht unbedingt aus einem deutschen Dialekt mit w > b hergeleitet werden, da dieser Lautwechsel auch in neueren Fremdwörtern sicher durch Laut- substitution erreicht worden ist (z. B. subick < Schuhwichse); ebenso findet sich neben älterem fönt < nhd. pfnnd neueres kiüi

< Ost. kipfl, fajfa < nhd. Pfeife.

Die häufigsten Lautwechsel, die fast durchgängige Geltung haben, sind folgende: h-^ k (bakter, abriktol, sikker, haptäk usw.), w^b (bognar, bükköny < zuikken, billikom, berdö, silbak, plajbäss usw.), i"^l (polgär, kalmär, käpldr usw.), bei Konsonantengruppen fällt der zweite oder dritte Konsonant aus {ssolner < soldner, silbak

< schildwach, söntes < Schenktisch), bei r, 1 + cons tritt ein Vokal ein (torony < mhd. turn, borosta < börste usw.). Die Auflösung der Konsonantengruppe tritt fast immer im Anlaut ein : durch einen vorangestellten Vokal: (ostrom < stürm, ispitäly < spital, isträng

< Strang usw.), durch den Vokal zwischen beiden Konsonanten (gereb < mhd. graeve, salap: schlapp, selejt: schlecht, zomänc: schmalz, zamat: smas), bei Kons. + w fällt einer der Konsonanten aus (cikkely: zzvikkel, sogar: schwager, cibak: zzvieback usw.). Da- bei finden sich in älteren Wörtern selten, in neueren häufig unaufgelöste Konsonantengruppen im Inlaut und Anlaut (frigy, gröf, pres usw.). Volksetymologische Veränderungen sind häufig anzu- treffen.

Von diesen Lautsubstitutionen, die sich bei der Übernahme deutscher Wörter einstellen, sind vollends zu trennen jene Differenzen zwischen der deutschen und ungarischen Sprachform, die bereits

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache. 107

vor der Übernahme vorhanden waren und aus den deutschen Mund- arten zu deuten sind, z. B. im Falle islög: nhd. schlag, stellte sich i bei der Übernahme in der ungarischen Sprache ein, hingegen slog: mhd. slac erklärt sich aus dem dialektisch-öst. schlag und ist nicht in der ungarischen Sprache entstanden. Die deutschen neueren Lehn- wörter und Fremdwörter führen einen guten Teil dialektischer Eigenheiten mit sich. Aus diesen mundartlichen Resten ist noch deutlich erkennbar, daß die neueren Entlehnungen meistens aus dem österreichischen Sprachgebiet stammen. Bayrisch- österreichisch ist in den Lehnwörtern der häufige Wechsel mhd. a. a "^ 6 (hoher < mhd. häJier, so gor: schzvager, löding: ladung, obsit •< abschied), ferner p : b, k : g, t :d (polgär, pinter: binder, pör: haur, pek: back', pendely: b'dndel, kökler: gaukler, krispän: grünspan, tucat: dutzend).

Den stärksten Veränderungen sind die Ableitungssilben aus- gesetzt. Den Endsilben nach teilen sich die neueren deutschen Fremdwörter in folgende Gruppen:

1. Wörter auf li; sie entstanden aus den oberdeutschen Demi- nutivsuffix 1-sonans. In älteren Lehnwörtern entspricht dem Demi- nutivsuffix — el meist ely, oly: gerely: gerel, metsely: metsei, cikkely: zwickel, tegely: tiegel, gepely: göpel, zsindely: schindel, kittely: kittel, stömpöly: Stempel, saffely: schaffei, räspoly: raspel usw. In späterer Zeit, nachdem el zu 1 geschwächt wurde, er- scheint — Ji in den Fremdwörtern. Erster Beleg ist 1643 kugli: Kugel (MNy XI, 384). Im 18. Jh. waren die deutschen Fremd- wörter auf li im Ungarischen weit verbreitet, die deminutive Be- deutung ging dabei verloren.

2. Latinisierte deutsche Fremdwörter verbreiten sich ebenfalls im 18. Jh. Sie werden nach Analogie der lateinischen Fremdwörter gebildet. Nach dem Muster von lat. faniilia ung. familia deutsch familie u. dgl. wird aus nhd. maschine > ung. masina, ob- zwar nhd. maschine nicht aus dem lat. machina, sondern aus fr. machine entlehnt ist. Latinisierte Endungen erhielten im LTngari- schen meist jene deutschen Fremdwörter, die von der deutschen Sprache aus romanischen Sprachen übernommen wurden: regriita

< nhd. regrut (franz. recriie), batteria < nhd. batterie (franz. ^c7f- terie), gäläns < nhd. galant (fr. galant), unter ihrem Einfluß nehmen aber andere deutsche Vv^'örter ähnliche Endungen an, z. B. : mustra

< nhd. muster, räma > nhd. rahmen, frajla < nhd. fräulein, sajba

< nhd. Scheibe, aufkl'drista usw.

IQg Th. Thienemann.

3. Deutsche Zeitwörter erhalten im ungarischen das denominale Suffix ol, z. B. rajzol < nhd. reißen. Die meisten Lehnwörter sind Hauptwörter, das entsprechende Verbum wurde meist von dem entlehnten Nomen abgeleitet, z. B. mhd. schaz > ung. sac, sarc, daraus wurde sarcol gebildet. Nach dem Muster dieser denominalen Verba erhielten auch die verbalen Entlehnungen das denominale Suffix ol.

Den deutschen Lehnwörtern und Fremdwörtern, die verschie- denen Zeitaltern und Bildungskreisen angehören, kommt innerhalb der ungarischen Sprache ein verschiedener Ausdruckswert zu. Die älteren Lehnwörter lagern in anderen Schichten des ungarischen Wortbestandes, als neuere Fremdwörter. Die älteren Lehnwörter, besonders jene, die in den heute schon längst verschwundenen Bil- dungskreisen, z. B. im Rittertum, wurzeln, gehören dem Wortvorrat der gehobenen und feierlichen Ausdrucksweise an. Kacagäny < mhd. casacän erhielt in Vörösmartys Hexametern seine dichterische Weihe, aber auch frigy < mhd. vride ist gehobener, als das syno- nyme szövetseg, kalmär, kiifär wurden trotz peiorativen Bedeutungs- wandels erlesene, pathetische Wörter. Altes Lehngut, wie lator < mhd. loter, trdgdr < mhd. tragaere, bitang < mhd. biutung u. dgl. ist wohl in seinem Bedeutungsgehalt vom ethischen Standpunkt recht tief herabgesunken, stilistisch hingegen verfeinerte es sich bis zur Höhe der feierlichen und erlesenen Wörter der Dichtersprache. Der Sprechende empfindet in diesen Wörtern nicht mehr die deutsche Herkunft, denn ihre Lautform ist eine andere geworden. Je unver- änderter die Lautform bewahrt wird, desto mehr ist das entlehnte Wort im Bewußtsein des Sprechenden an die deutsche Sprache ge- bunden, und um so mehr wird es dem ungarischen Sprachgefühl stilistisch entwertet. Neben dem alten trdgdr (< mhd. tragaere) ist das neuere tröger (< nhd. trager) oder neben älterem ceger ist das durchsichtigere cajger ein vulgärer Ausdruck, den die gepflegte Literatursprache geflissentlich meidet. Die Menge der neueren deutschen Fremdwörter gehört in die niedrige, vulgäre Umgangs- sprache, viele vertragen die Tinte schwerlich. Ihrer Entwertung wegen haftet auch ihrer Bedeutung etwas wie Mißachtung an. Die x\mts- .sprache meidet sie und ersetzt selbst das alte höher < mhd. hahaere durch einen gefälligeren Ausdruck. Ein Wörterbuch der neueren deutschen FrenulwtHter wird leicht zu einer Sammlung von Vul- garitäten der affektloscn und platten Umgangssprache.

Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache. 109

Deutsche Fremdwörter kommen in neuerer Zeit in immer reicherer Fülle in den ungarischen Wortbestand") aber nur durch den Sprachgebrauch von Jahrhunderten gefeit, kann das entlehnte Sprachgut aus der niedrigen Umgangssprache, der es entstammt, in die erlesene Sprache der feierlichen Rede emporsteigen.

«) Vgl. z. B. Josef Balassa: Deutsche Elemente in der ungarischen Soldaten- sprache. (Die neueren Sprachen, 1919, 359-) Dazu Leo Spitzer, Nyr. 49, 16, und Leo^ Verö, Nyr. 50, 135.

Ungarische Jahrbücher

Inhalt des zweiten Bandes.

I. Aufsätze und Berichte:

BuDAY, L. V., Agrarpolitische Zukunftsaufgaben.' jt Domakovszky, A., Die Ver- gangenheit der ungarischen Donau- Handelsschiffahrt. / Feh er, G., Ungarns Gebiets- grenzen in der Mitte des lo. Jhdts. / Gragger, R. : Ungarische Institute für Geschichts- forschung. / HÖman, B., Der Ursprung der Siebenbürger Szekler. / KXrolyi, A., Stefan Sz^chenyis beschlagnahmte Schriften. / KovÄcs, A., Die Wiedergeburt der ungarischen Volkskraft. / Losonczi, Z., Die ungarische Sprachwissenschaft 1920 21. / Nyuläszi, Job., Staatsverträge zur Regelung von Steuer- und Gebührenfragen. / Thienemann, Th., Die deutschen Lehnwörter der ungarischen Sprache.

II. Kleine Mitteilungen und Anzeigen:

Babinger, f., Franz Kidric, Bartholomaeus Gjorgjevic. / Brinkmann, C, Bul- garisch-ungarische Beziehungen V. XL Jahrhundert. / Osteuropäisches Jahrbuch. / Gragger, R. Friedrich Riedlf / Florian Holik, Index Miraculorum. / Malyusz, E. v., H. Schlitter, Versäumte Gelegenheiten. / Meckelein, R., K. F. Karjalainen, Die Religion der Jugra- Völker. / Mezger, F., Altgermanische Zeugnisse zu ost- und nordeuropäischen Völker- und Ländernamen. / N., v., A. Fabricius, Die ungarische Pflanzenveredlung. / PallÖ, M., Die altaische Völker- und Sprachenwelt. / Jacob Naphtali Simchowitsch, Studien zu den Berichten arabischer Historiker über die Chazaren. / Prinz, G., Ludwig Löczyt. / Schünemann, K., Eine neue Deutung des ungarischen Wappens. / Neue Nach- richten über die Ungarn der Landnahmezeit. / Eine Neuerscheinung auf paläographischem Gebiet. / Zsinka, F., Aron Szilady. / Das Ungarische Institut an der Universität Berlin i. J. 1921. Gesellschaft der Frevuide des Ungarischen Instituts zu Berlin (E. V.) 1921. / Bibliographie.

III. Besprochene Werke;

Fabricius, A., A magyar növdnynemesit^s. / Feh er, G., Bulgarisch-ungarische Beziehungen in den V. XL Jahrhunderten. / Fodor, F., Osteuropäisches Jahrbuch. / Hajnal, St., Irastört^net az irasbeliseg felujulasa koräböl. / Holik, F., Index Miraculorum Marianorum Indici A. Ponceleti in Anal. Boll. I. XXI. vulgato superaddendus. / Horväth, A., Magyarorszag cimere. / Karjalainen, K. F., Die Religion der Jugra-Völker. / KÄROLYi, A., Gr. Sz^chenyi Istvän döblingi irodalmi hagyat^ka. / Kidric, F., Bartho- lomaeus Gjorgjevic. / Körösi Csoma Archivum. / Löwis of Menar, A., Finnische und estnische Volksmärchen. / Magyar Nyelv. / Munkacsi, B,, A vogul nep osi hitvilaga. / Magyar Nyelvo'r. / Riedl, F., Arany Janos. / Schlitter, H., Versäumte Gelegenheiten. Die oktroyierte Verfassung vom 4. März 1849. / Simchowitsch, J. N., Studien zu den Berichten arabischer Historiker über die Chazaren. / Szinnyei, J., Magyar Nyelvhason- litas. / Die Herkunft der Ungarn, ihre Sprache und Urkultur. / Winklrr, H., Die altaische Völker- und Sprachenwelt.

Das Ungarische Institut an der Universität Berlin, das 1920 mit der »Unga- rischen Bibliothek« eine Reihe von Einzeluntersuchungen eröffnete, gibt

jetzt den dritten Band der »Ungarischen Jahrbücher« heraus. Ungarn sowohl als Problem an sich als auch in seinen Berührungspunkten mit den allgemeinen Kulturfragen, besonders den südöstlichen, wird in dieser Zeitschrift auf wissenschaftlicher Grundlage dargestellt. Außer den im engeren Sinne wissenschaftlichen Gegenständen werden auch die künst- lerischen, politischen und sozialen Fragen der Gegenwart erörtert. Auch das wirtschaftliche Gebiet, das jetzt im Mittelpunkt des Interesses steht, wird von Fachleuten aus der Wissenschaft und der Praxis eingehend behandelt. Jedes Heft enthält eine ausführliche Bibliographie aller in Ungarn oder über Ungarn erscheinenden neuen Bücher und Zeitschriften mit deutscher Inhaltsangabe.

Ungarische Bibliothek

Für das Ungarische Institut an der Universität Berlin herausgegeben von Robert Gragger

~~ Erste Reihe =

I

Die Herkunft der Ungarn, ihre Sprache und Urkulmr Groß-Oktav Von Josef Szinnyei Geheftet GZ 1,5

2 Deutsche Handschriften in ungarischen Bibliotheken

Mit einer Faksimile-Tafel der Nibelungenhandschrift F Groß-Oktav Von Robert Gragger Geheftet GZ 1,5

3

Lebende Rechtsgewohnheiten und ihre Sammlung in Ungarn Groß-Oktav Von Karl Tagänyi Geheftet GZ 2

Demnächsterscheint: 5

Die byzantin. Quellen über Ungarn vor der Landnahme

Groß-Oktav Von Herbert Schönebaum Geheftet

In Vorbereitung: 6

Die deutschen Gäste in Ungarn bis zur Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen

Groß-Oktav Von Konrad Schünemann Geheftet

Zweite Reihe 1

Das ungarische Privatrecht Band I

Groß-Oktav Von Anton Almas! GZ 4,4

Demnächst erschein t: 2

Staatsverträge zur Regelung von Steuer- und Gebührenfragen

Groß-Oktav Von Johann Nyuläszi Geheftet

ImDruckbefindetsich: 3

Das ungarische Privatrecht Band II

Groß-Oktav Von Anton Almäsi Geheftet

Der Verkaufspreis wird errechnet durch Multiplikation der Grioidzahl GZ mit der Jeweils gültigen Schlüsselzahl, die zurzeit {Anfang Dezember jg22) joo ist.

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